Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182424
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Die Tonkunst. 
selbst zum Tanze haben wir den Tönen nicht folgen können, weder dem 
schnurrenden Brummbass und Horn und Clarinette, noch der Zigeuner- 
üedel in ihren tollen Sprüngen und wilden Seufzern. Aus den Hallen 
der Kirche mit den Orgelklängen eines Bach, aus dem Saal, d'rin eine 
Beethoven'sche Symphonie schwillt, aus dem Theater, d'r-in Don Juan 
uns erschüttert, d'rin Cherubim seufzt, d'rin die Zauberflöte bezaubert, 
aus der Messe, d'rin die Gräber und die Himmel sich öffnen und Hölle 
schauert und Himmel singen, sind wir geblieben. Nicht in das blühende 
persönliche Leben durften wir greifen; in dem Allgemeinen mussten 
wir uns hier beschränken. 
Nur noch wenige Worte zum Schluss.  
Man hat zu manchen Zeiten die Musik hinsichtlich ihres bildenden 
Elements besser zu schätzen gewusst, als jetzt. Die Alten sowohl, wie 
das Mittelalter, wie selbst die neueren Zeiten bis in unser Jahrhundert 
hinein, haben dies in vielen Beziehungen gezeigt. Sehen wir heute auf 
die volksbildende Macht der Musik, so ist die sehr gering. Viel Ge- 
klapper vor den Ohren, Wenig Musik in den Köpfen und Herzen. In 
den Volksschulen, namentlich auf dem Lande, sollte die Musik besser 
gepflegt werden, Auch die einfachsten Instrumente sollten da für die 
Bcgabteren gelehrt werden. Ein wie tiefes Musikbedürfniss im Volke 
steckt, zeigt seine Bewunderung der Drehorgel, seine Neigung, die Zieh- 
harmonika zu spielen u. s. w. Wie gern es singt, ist bekannt. Man 
unterstütze diese Neigung; aber man menge sich nicht überweise hinein 
und wolle es gleich nach allerhöchsten Principien maassregeln. Musik- 
freudige Zeiten in einigen katholischen Ländern könnten da vielleicht 
Anhaltspunkte geben. Ohne die Musikfreude in der Kirche würden 
wir uns nicht an Jodeln und Cither in unseren Alpen erfreuen. Na- 
mentlich in unserem nördlichen Vaterlande ist die musikalische Noth 
des Volkes gross, sowohl was Lieder, als was die eigentliche Musik be- 
trifft. Den Gutsbesitzer soll man z. B. preisen, der Schalmeien für 
seine Hirten schafft. Schlägt ein solches Bemühen auch unter zehn 
Mal neun Mal fehl, so wiegt der Eine schon Neun auf; Neun lernen es 
schon wieder von ihm. Es ist ein wahrer Jammer; das Volk  Mädel 
und Burschen  ist oft halb rasend vor Musikleidenschaft; die Musik 
wirkt bei ihm, auch in den niedrigsten Formen Wunder, wie man bei 
jedem Tanz sehen kann, wo steife, ungelenke Bursche innerlich Feuer 
und Flammen, ausserlich Quecksilber durch die Musik werden , wo beim 
ersten Trompetenton oder Geigenstrich die Blicke der Mädchen er- 
glanzcn und die Füsse zittern, aber es wird nichts weiter gethan, als 
ihnen hin und wieder die Erlaubniss gegeben, wohl bedachte, Wohl zu- 
gemessene Erlaubniss, sich Musik von einigen Bierfiedlern zu bestellen 
und sich dann halb todt zu rasen. Ein solcher Kunstschacht könnte 
ganz sicherlich besser ausgebeutet werden. Wie das Material behau- 
delt und gewonnen, wie es geschmolzen und geformt werden muss, das
        

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