Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182406
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Tonkunst. 
Die 
Es ist nicht zu leugnen, dass wir in dieser Weise mit unsern Opern 
in ein Extrem gerathen sind, dem dringende Abhülfe Noth thut. Ein 
guter Text der angegebenen Art ist sehr schwierig; ein schlechter ist 
leicht und darum der gewöhnlichere. Unzusammenhängend ein Musik- 
stück neben einem anderen; zwecks des Zusammenhangs oft der pure 
Unsinn im Text; der Unsinn überdeckt von der Musik, dann auch 
unhörbar durch schlechten Gesang, bei dem man nicht versteht, was 
der Sänger singt. Durch den Zug der Tonkunst zum Allgemeinen, den 
wir behandelt haben, wird der Text nun noch leicht in's Verblasene, 
Gharacterlose gerückt, indem der Musiker auf den Dichter wirkt. Jeder 
sieht leicht, wohin das führt. Wahres dramatisches Element kann in 
solchem zerhackten, flachen, unsinnigen Werke nicht aufkommen; Ueber- 
treibung, Geschraubtheit, gemachte lünergie wird also die innere Kraft 
der Leidenschaft, die wahre Energie im Stück ersetzen sollen. Diese 
Uebertriebenheit ist aber unschön, hat keinen Stil mehr, ist manierirt. 
Die Kunst ist darin verloren.  
Das ist das Extrem, wohin ein an sich richtiges Bedürfniss die 
Oper führt und geführt hat. Geholfen wird, oder das Gleichgewicht 
wird hergestellt durch den Gegensatz: feste, geschlossene Verbindung 
im Stücke, echte dramatische Sprache, gewaltige Leidenschaft. Statt 
des Rein-Musikalischen, Liedartigen, soll dramatische Leidenschaft im 
Gesange herrschen. Nach unserer obigen Auseinandersetzung, nach 
dem Beispiel aus dem Aeschylus und der Maria Stuart, brauchen wir 
dieselbe nicht näher zu erklären. Wie ein solches Extrem das vollste 
Gegenextrem wohl verlangt, so müsste man statt der Liederoper ein 
Rededrama mit dramatischem Gesang püegen. Ein eigener Stil für 
Spiel, Sprache, Gesang müsste freilich erst dazu gebildet werden. Was 
den Tonkünstler betrifft, so kann er an den Männern lernen, welche für 
eine Zeit ihre Tonwerke dichteten, in welcher das jetzt herrschende Uebel 
noch nicht herrschte, oder welche sich mit Erfolg dagegen stemmten. 
Ich meine, man könne aus dem Gesagten leicht ersehen, wie natur- 
gemäss unsere jetzigen Bewegungen in der Oper sind. Richard 
Wagners Kampf, andererseits das begeisterte Zurückgreifen auf unsern 
hehren Händel und seine titanische, dramatische Kraft sind, um es 
kurz zu sagen, naturgemass. Die Oper lebt noch; die Sprossen an den 
jüngsten schönen Aesten taugten nicht viel; sie Waren zu wild in's Kraut 
gewachsen, waren nicht genug beschnitten worden; diese Stämme müssen 
jetzt ausruhen; dafür schlagen andere wieder aus. 
Es kann sich hier nicht darum handeln, eine Kritik der Bestre- 
bungen der Gegenwart zu geben. Iloifentlich wird der Leser einen 
ruhigen Einblick in derartige Eutwickelungen durch die einfachen Aus- 
einandersetzungen gewonnen haben. Ruhig prüfend wird Derjenige, 
welcher dem Parteikampf ferne steht, das Richtige in den Principien er- 
kennen, die Uebertreibung, zu welcher der Streit verführt, das Unzu-
        

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