Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182370
von Instrumental- 
Verbindung 
und 
Vocalmusik. 
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ausdrnck werfen, hier als Stütze eine mächtige, erschütternde, von tief- 
Ster Leidenschaft bewegte Rede suchend. Je lieber er sich in weicheren 
Empfindungen wiegt, je unbestimmter, traumerischer seine Gefühle sind, 
je musikalisch-lyrischer er ist, um diesen Ausdruck hier zu gebrauchen, 
desto lieber wird er sich dem Unbestimmten auch im Texte zuwenden. 
Da nun die meisten Musiker in den allgemeinen Empfindungen ver- 
harren, so werden wir sehr häufig das Bestreben finden, einen indivi- 
ducllen Text so viel wie möglich zu vermeiden und gerne eiln unbe- 
stimmtes, selbst nebelhaftes Gedicht als Text gewählt sehen. Ein Gefühl 
wird immerhin dem Oomponisten dadurch gegeben; jetzt ist er froh; 
zu den unbestimmten Worten kann er sieh auf's freieste ergehen. Ein 
Sonst noch so untauglicher Zweig oder dürrer Stab der Poesie ist ihm 
oft sehr willkommen, seine dichten, schönen Ranken und Blumen darum- 
zuschlingen und daran in die Höhe zu heben. ltlag der Text auch oft 
noch so unnütz, albern, trivial sein, wir finden wohl die trefflichste 
Musik dazu, hören ihn auch wohl aus ähnlichen Gründen von Vielen am 
besten gesungen. Sobald die Sprache nicht überwiegt oder sich nicht 
auf's innigste mit der Musik vereint, sobald die Musik ein Uebergewicht 
hat und sie hauptsächlich wirken soll, sobald gebraucht diese Zeit, um 
ihre eigentlichen Vorzüge zum Ausdruck zu bringen; in der einmaligen 
Kürze des Wortes vermag sie das nicht immer. Sie muss gleichsam das 
Wort in seine ursprünglichen Tonzusammensetzungen auflösen. Sie 
liebt im Text allgemeine Empfindung, welche sie nun nach ihren mannig- 
fachen Nüaneen (lurchfülnt. Dazu darf der Text aber auch schon 
formell nicht zu fest geschnürt sein, nicht zu unzerreissbar in einander 
wachsen. Er muss womöglich sich zerlegen lassen und Empfindung an 
Empfindung lose reihen. Dabei ist der unbestimmte Empiindungsaus- 
druck am willkommensten. Man nehme Worte wie: „tra cento affetti e 
cento vamm' ondeggiando il cor" (zwischen hundert und hundert Schmer- 
zen wogt mir das Herz). Wenn Donna Anna und Don Ottavio das auch 
noch öfter sangen als sie es thun, oder wenn „Heg' ich Mitleid doch für 
ihn" auch noch zehn Mal gebracht würde, so hätte die Musik noch ein 
leichtes Spiel, neue Empfindungen zu diesen Worten zu geben. 
Die Musik liebt also Texte, welche Empfindungen aneinanderreilien; 
feste, logische Gedankenverbindung und [neinanderiiechtung widersteht 
ihr. Abgesehen davon, dass das Gedankenhaft-Unsinnliche überhaupt 
aus ihrem Bereich fallt, ist ihr die losere Verknüpfung deshalb so er- 
freulich, weil sie die Zwischengedanken, welche der Dichter weggelassen 
und dem Hörer überlassen hat, ergänzen kann. Sie kann mit all' ihrer 
Macht sich in diese Lücken hineinwerfen und ihre Kräfte darin entfalten, 
Man übertrage dieses einfach auf den ganzen Text einer Oper. Wie 
bei einem lyrischen Lied zwischen Vers und Vers, so geschieht hier, nur 
im vergrösserten Maassstabe dasselbe mit jedem Gedichte, jeder Arie 
u. s. w. Der Operntext, der in dieser Art dem Componisten bequem 
2611!.
        

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