Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178049
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Schöne. 
Das 
die ganze Welt aus dem Chaos. Jeder von ihnen gleicht dem Thor, 
der mit dem Ochscnkopf die Midgardschlange, die die ganze Welt 
umschlingt, herausangelte. 
Die Gesetzmässiglteit des Schönen wird häufig mit der Zweck- 
mässiglteit verwechselt. Doch ist leicht zu sehen, woher der Irrtlium 
stammt. Das Gesetzmassige wird gewöhnlich am besten geeignet sein, 
seinen Zweck zu erfüllen. Da nun jedes Ding auf Erden seinen Zweck 
hat, d. h. nicht absolut für sich allein besteht, sondern auf ein Anderes 
zu beziehen ist, z. B. weil es der Ernährung oder der Grundlage, oder 
überhaupt schon, weil es ja des Raumes und der Zeit bedarf, so kann 
man gewissermassen bei jedem von einem Zweck sprechen, den es 
erfüllt und den es am besten erfüllen wird, wenn es nach allen seinen 
Theilen Ausdruck seiner vollen Gesetzmüssiglteit ist. 
Wir sagten: das Schöne ist an sich schön; für unsere Erkennt- 
niss muss diese Schönheit aber erkennbar sein. Welches sind nun 
die uns angeborenen Gesetze für unser ästhetisches Empiindungsleben? 
Versuchen wir, dieselben nach grossen Umrissen darzulegen. 
Jedes existirende Ding können wir den Ausdruck einer Kraft 
nennen. Seine Form ist ein Maass der Kraft, diese auf die Erschei- 
nung bezogen. Kraft und Maass sind zwei Grundbegriffe für unsere 
Empfindung. Was im eigcntlichsten Sinne des Wortes maasslos er- 
scheint, geht über unser geistiges Vermögen, über das Erkennen, wie 
auch über das bestimmte Denken hinaus und wird zum unbegreifiichen 
Unendlichen, Anfanglosen, Raum- und Zeitlosen u. s. w. 
Es ist also nothwendig, dass eine Kraft erscheint, damit wir sie 
überhaupt wahrnehmen und dass sie eine gewisse Stärke hat, um 
unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Je weniger Stärke, desto 
mehr nähert sie sich für uns dem Nichts oder dem für uns nicht 
Existirenden. Vor allcn Dingen kommt es also für die ästhetische 
Empfindung auf die Kraft an, die wir Bedeutung oder Wichtigkeit 
nennen, wenn wir dieselbe auf uns beziehen. Die Grundlage ist also 
das Was? eines Dinges bei der ästhetischen Betrachtung, aber auch 
nur die Grundlage. Somit verlangen wir Bedeutung. Diese Kraft 
erscheint nun in ihrer Bemessung, ihrer Form. Diese, das Wie? des 
Dinges erkennen und prüfen wir mit unseren Sinnen. 
Eine Kraft im Maass ist daher das erste Erforderniss, wahrnehm- 
bar durch unsere Sinne. Jedes Ding bedarf dazu einer gewissen 
Grösse; das Zu-Kleine fallt somit aus unserer ästhetischen Betrach- 
tung und Schätzung. (Mikroskopische Gegenstände können natürlich 
für die gewöhnliche Anschauung nicht in Betracht kommen.) Das Zu- 
Grosse bedrückt uns; jede Kraft ohne Schranken geht über unser 
Begriffsvermögen hinaus; unser Geist versagt; wir Geschöpfe des 
Maasses fühlen uns schwach, verschwindend. Furcht erfasst unsere 
Seele: die Vernunft müht sich vergebens ab, dagegen zu kämpfen.
        

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