Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182308
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Die Tonkunst. 
Gesanges, welcher sich harmonisch zusammenfasst zur schönen Tonein- 
heit, die reichste Schönheit entfaltet, wie die Verstärkung jeder Stimme, 
dann Instrumentalbegleitung hinzutreten und so das grossartigste, mäch- 
tigste Tonwerk entstehen kann, das in jedem Pulsschlage uns Tonweiten 
eröffnet, wie vergleichsweise jeder Blick beim Dnrchwandern eines herr- 
lichen Domes.  
Noch eine Verbindung des Gesanges mit der reinen Tonbewegung 
könnten wir anführen. Ans den durch die blossen Töne in schöner 
Weise verkündeten allgemeinen Zuständen und Gefühlen, die sehnsüch- 
tig, immer sehnsüehtiger nach bestimmterem Ausdruck ringen, wird 
gleichsam der Gesang geboren, in den dann alle Ströme zusammen- 
flnthen. Ich brauche nicht zu bemerken, dass der Musiker dabei in der 
Wahl seines Textes sehr vorsichtig sein muss. Aphrodite soll aus dem 
Meer geboren werden, aber es (lürten nicht Berge kreisen, um eine Maus 
zu gebären. Ein "Freude, schöner Götterfunken" gehört schon dazu, 
eine in ihrer Allgemeinheit der Musik näherstehende Poesie, deren all- 
gemeine Gedanken aber von der höchsten Kraft und Tiefe sein müssen. 
Uebrigens brauchte man diese Art kaum als eine eigene aufzustellen, 
indem sich die Musik auch dabei zu einer Ausführung und Verklärung 
der Poesie gestaltet. Die Ergänzung der Musik durch den Gesang und 
des Gesanges durch die Musik trifft doch gewissermaassen zusammen. 
Die einzelnen Formen des Gesanges, wie das die Rede musikalisch 
steigernde Reeitativ, das einfache, in der Allgemeinheit der Empfindung 
sich bewegende Lied, die mehr persönlich bewegte, auch kunstvoller 
zusammengesetzte Arie, die Motette u. s. w. können wir hier nicht aus- 
führen.  
In der Instrumentalmusik werden durch Instrumente erzeugte Töne 
gebraucht. (Es ward schon gesagt, wie auch die menschliche Stimme 
nur als Instrument auftritt, sobald sie nicht sprachlich gestaltet, z. B. 
beim Jodeln, 'I'rällern, Pfeifen u. s. w., auch dort, wo beim Singen die 
gesungenen Worte nicht verstanden werden, sei es aus Unkenntniss der 
Sprache oder durch Undeutlichkeit, etwa bei einem sehr starken Chor- 
gesang ist der Gesang von rein instrumentaler Wirkung.) Wir können 
hierbei am deutlichsten den musikalischen und sprachlichen Unterschied 
ersehen. Mit allem Ausdruck, den eine Reihe von Instrumenten für den 
musikalischen Ausdruck von Zuständen bietet, kann niemals die Sprache 
nachgemacht, höchstens nur nachgeädt werden. Es kann also nie die 
Musik die Sprache und ihre Bestimmtheit ersetzen, sowenig die Sprache 
die Musik in ihrer Eigenthümlichkeit zu ersetzen vermag. Der Künstler 
hat in den Tönen ein Material, das er der musikalischen Idee und den 
musikalischen Gesetzen gemäss gestaltet. Ganz hierbei abgesehen, ob 
er von bestimmten Gedanken oder Empfindungen beim Schaffen des 
Tonwerks beseelt ist oder beseelt sein muss, oder nicht; sein Gedanke, 
seine Empfindung kann sich in Tönen nur in der dem Tonleben charak-
        

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