Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182297
Vocahnusik. 
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tragende, allgemeine Stimmung sind gegeben. Oder die Stimme schwillt 
zum Gesang an: dieselbe Begleitung bleibt. Oder die Musik tritt wett- 
eifernd zur Rede. Sie begleitet den Gesang in denselben Tönen. Das 
allgemeine Stimmungsgefühl ist dann weggefallen und die Stimme hat 
nur eine Verstärkung erhalten, die aber so ergreifend wirken kann, weil 
sich gleichsam das Aussermcnsehliche mit ihr verbindet und ihr zu 
Hülfe kommt. Oder die Musik tritt frei an den Gesang und führt mit aller 
ihr zu Gebote stehenden Kraft die Stimmung aus. Sie benutzt ihre Viel- 
Stimnligkeit. Sie giebt theils allgemeine Stimmung, stützt den Gesang; 
mit diesen Tönen begleitet sie; jene lasst sie die Nebenstimmungen oder 
die sonst dem Gesungenen entsprechenden ausdrücken. Melodie und 
Harmonie lässt sie zusammen erklingen. Die Beschränktheit der Rede, 
welche je klarer sie ist, desto bestimmter, concentrirter wird, ergänzt sie 
(lurch ihre Allgemeinheit. Der Sänger, welcher z. B. singt: „ Ach mein 
lIerz ist tief bewegt" drückt, wie Manches er auch hereinklingen lassen 
kann bei hoher Kunst, trotz der Allgemeinheit dieser Worte doch haupt- 
sächlich nur ein Gefühl aus, oder wenige z. B. ein weieh-schmerzliehes. 
Die Musik aber in ihrer Macht im Nebeneinander lässt etwa. Kraft, 
Weichheit; Freude, Innigkeit, Bedrückung, Unruhe, was nur Alles bei 
einem Gefühl jener Art mit und (lurcheinander wirksam werden und 
was sie durch Folge der Bewegung, Harmonie u. s. w. ausdrücken kann, 
hinzutönen und giebt uns somit gleichsam das All dieser Empfindung. 
Um den Kern des Gesanges sind alle Empfindungen tönend, krystalli- 
nisch zusammengeschosscn. 
Wo der Sänger sich mühselig durch einen oft wiederholten Gesang 
derselben Worte helfen muss, indem er bei jedem Nacheinander eine 
neue Empfindung verwalten lässt und so den Umfang seines Gefühls, 
das er bei jenen Worten empfindet, zur Anschauung bringt, da kennt die 
Musik keine Schwierigkeit. In Harmonien bewältigt sie die ganze Tiefe 
des Gemüths. Schlag auf Schlag kann sie uns den weitesten Ueberblick 
geben. Natürlich braucht sie hierzu nicht Instrumente allein zu nehmen. 
Sie ltaun auch eine Mehrheit von Stimmen benutzen. Zu dem Gesang 
des Einzelnen tritt ein zweiter durchaus gleicher hinzu. Diese Gleichheit 
wird verstärken, nur in der Macht und Fülle verändern. Wenn zwei 
oder hundert oder tausend Menschen in gleicher Stimmlage und auf den- 
selben Tönen Gesang anstimmen, so haben wir eine solche Verstärkung. 
Die erste innere Veränderung, die geringste erscheint, wenn zwei Stim- 
men in der Octave miteinandergehn. Ein neuer Ausdruck kommt hinzu; 
die ästhetische Bedeutung der Höhe und der Tiefe kommt zur Geltung. 
Sobald aber mehrere Stimmen nun in freieren Harmonien einander be- 
gleiten, tritt die oben angeführte grössere Vertiefung ein. Einheit des 
Gefühls umsehliesst Alle, aber innerhalb desselben zeigt sich lllannigfal- 
tigkeit. Ich brauche nicht auszuführen, wie in Terzett, Quartett u, S_ w_ 
die Verschiedenheit der Klaugfarben mit den eigenartigen Gängen des
        

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