Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182262
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Die Tonkunst. 
schlag die Töne alle bereit liegen, ermöglicht diese Ausbildung der 
IIarmonie. Als ein Mangel erscheint dabei nur die Uebereinstimmung 
in der Klangfarbe, die einer wirklich polyphonen Behandlung entgegen- 
steht. Dadurch, dass alle Töne des Klaviers dem Spieler zugerichtet 
sind und nur seines Klopfens bedürfen, um lebendig zu werden, wird 
das Instrument sehr bequem, aber auch der echten Kunstbildung leicht 
gefährlich; Jeder meint spielen zu können, der seine reinen Töne her- 
vcrklopfen kann. Nur zu leicht wird es dadurch Fingerarbeit und führt 
zur musikalischen Flaehheit. Uebung im Notenlesen und Uebung der 
Finger, ein gefühlloses Notenspielen gilt oft für Kunst. Künstlerisches 
Durchdringen ist schwierig; sein Mangel nur dem Kenner bemerkbar. 
Die Vorzüge des Klaviers, dass es allgemeine musikalische Bildung 
verbreitet, dass es durch Uebertragung doch auch ein vielstimmiges 
Tonwerk zur Anschauung bringen kann u. s. w. sind so bekannt, dass 
ich sie Ilicht näher auseinanderzusetzen brauche. Carriere vergleicht 
es trefflich mit dem Kupferstich gegenüber dem Farbengemälde reicher 
zusammengesetzter Instrumentalmusik. Man könnte es auch den Blei- 
und Tuschkasten nennen, wenn man die übrigen Instrumente mit den 
Farben der Palette vergleichen wollte. Es dient trefflich zum Entwerfen 
des musikalischen Oartons und zur Erprobung desselben hinsichtlich der 
Licht- und Schattenwirkung, der in den Farben dann zur Ausführung 
kommt. Bekanntlich muss das geduldige Klavier aber auch ebenso den 
Sünden der Dilettanten dienen, wie die Bleifeder und die einst so beliebte 
Tusche es müssen zu all' den Skizzen, Nachzeichnungen, selbständigen 
Versuchen u. dgl. 
Durch die Instrumente wird das Tonleben der Natur in gewisser 
Weise dienstbar gemacht und gezwungen sich zu zeigen. Der schöne 
Klang wird als Material benutzt; die Ordnung und die Idee giebt der 
Künstler. Es versteht sich, dass er sich der Gesetzmässigkeit jedes 
Instrumentes zu fügen hat; so wenig das Material beim Bauen Willkür 
verträgt, so wenig und noch weniger hier; wie dort der Künstler Wesen 
und Erscheinung in seiner Harmonie zu zeigen hat, so hat er auch der 
Eigenartigkeit des von ihm benutzten Tonmatcrials Rechnung zu tragen. 
Unwahrheit kommt heraus, wo der Tondichter unbekümmert um den 
Stil, den jedes Instrument in sich trägt, mit ihm willkürlich verfahrt, 
Unwahrheit oder Abgeschmacktheit; ebenso, wenn der spielende Künstler 
es nicht stilgemäss behandelt. Ein Instrument zu den Leistungen eines 
andern zwingen, ist ein Kunststück, hat aber selten etwas mit der Kunst 
zu thun. 
Wir hätten eigentlich, da wir von dem Tonmaterial sprachen, ein 
älteres 'I'onreich zuerst anführen sollen, das der menschlichen Stimme. 
Die Unterschiede der Klangfarbe nach Geschlecht und Alte1' wurden 
schon angeführt. Das weibliche und das unentwickelte männliche Ge- 
schlecht singt Sopran (Discant) oder Alt. Tenor und Bass ist die
        

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