Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182241
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Die Tonkunst. 
spenstigkeit, etwas Gequaltes, Weh, Wimmern schallt eher daraus und 
nur die höchste Kunst vermag etwa die Violine so zu handhaben, dass 
die Töne ganz rein, klar, freudig hervordringen. Statt der metallenen 
Klangfülle aber hat das Streichinstrument einschneidende Macht, dann 
eine Empfindungskraft, wie kein anderes. Trotz des mehr unmittelbaren 
Zusammenwirkens von Künstler und Instrument beim Blasen, kann 
weder Metall noch Holz eine so innige, emptindende Sprache 1'eden, wie 
das Streichinstrument, wenn in Künstlerhand Bogen und Saiten unsag- 
bares Weh, unsagbaren Jubel ausdrücken. Einen grossen Vortheil 
bietet das Streiehinstrument durch die Möglichkeit, die Töne beliebig 
zu dehnen, zu binden, zu verschmelzen, dann durch die schon ange- 
führte Leichtigkeit der Bewegung. Andererseits ist es schwierig: kein 
Ton liegt da für den Spieler fertig, bereit. Kein Instrument fast ist so 
misstönig, so widerwillig sich sträubend bei schlechter Behandlung. 
Voran steht unter den Streichinstrumenten die Geige  wohl die 
Königin aller Instrumente geilannt. Schwer ist sie zu eharacterisiren. 
Es giebt nichts Unausstehlicheres als sie, wenn sie in schlechten Händen 
ist; sie ist reibend, kratzend, klanglos, widerspenstig; aber dieses 
eigensinnige Ding, welches jeden Ton schnarrt und unrein giebt, 
wird in der Hand des Meisters das gehorsamste Werkzeug, welches 
sich denken lässt. Weich, süss, rein, luftig wie ein Hauch wird sie 
dann und doch immer wieder kann sie mit einer Schärfe. ja gleichsam 
mit Wuth sich in die wildesten Leidenschaften stürzen. Sie kommt nach 
in Zorn, Verzweiflung, Jammer, Schmerzenssclirei, wie weh und wild 
der Künstler empündcn mag. Und sie kann jauchzen, so hell, so klar! 
Am schönsten scheint sie wohl in Verbindung mit anderen Tönen, wo 
ihre Innigkeit gegen diese so recht zur Geltung kommt, wo sie ihre 
herrlichen Eigenschaften leicht und frei über jenen schwebend entfalten 
und dabei die Schärfe ihres Klanges durch jene weicher schmelzen 
lassen kann. Weicher im Ton, aber kräftiger, weniger zu wilden 
leidenschaftlichen Ausbrüchen geeignet ist die Bratsche. Sie kann nicht 
so übermächtig in Freude und Verzweiflung stürzen; sie hat etwas 
Nachdcnklicheres, wenn solche Gleichnisswvörter erlaubt sind. ltiachtvoll 
im Ton ist das Violoncello, doch hat (lasselbe etwas Bedecktes; nach 
oben wird es leicht ilitselnd, die hohen Töne sind nicht mehr sein Reich. 
Eine tiefe, krztftvolle Innerlichkeit spricht sich in ihm aus. Idrschütternd 
wirkt es in leidenschaftlichen Gängen. Wie wenn ein kräftiger Mann in 
Qual, die er unterdrücken will, ausbricht  Mannesleidenschaft, 
Mannestlehen, Mannesverzweiüung spricht im Violoncell. Eben darum 
kann es aber auch sehr komisch erscheinen, wenn es seherzt. Gleich- 
nisse sind oft recht thöricht. Aber Violine und Violoncello mögen mit 
einer leidenschaftlichen Frau und einem kräftigen, doch gefühlvollen 
Mann verglichen werdenf Der Oontrabass ist dann die Stütze dieser 
Tlonpersoncn, Vater oder Vormund, wenn wir jene zwei im Scherz das
        

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