Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182199
Melodie. 
Harmonie. 
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Qlurch jenen bedingt, hängt mit ihm zusammen. Sie passen also zu- 
einander, ergänzen sich und geben eine grössere Fülle. Am einfachsten 
geschieht dies, wenn ein ganz gleicher Zustand zum Tönen kommt. Es 
tritt dann derselbe Ton zu dem ersten Ton. Wir haben diesen nur ver- 
stärkt. Aehnlich mit der'Octave, in welcher wir gleichsam den ersten 
Ton wiederfinden, obwohl hier durch die verschiedene Tonhöhe doch 
etwas Neues hinzutritt, eine Verschärfung. Eine grössere Verschieden- 
heit aber in der Ergänzung bei Quinten, Terzen u. s. w. Jeder in Mit- 
leiden versetzte Ton steht nun wieder zu anderen Tönen in ähn- 
lichen Verhältnissen, die also ebenfalls wieder in Betracht kommen 
können  die reichste Mannigfaltigkeit ist damit gegeben. Aus diesen 
Consonanzen und Dissonanzen bestimmt sich das weite Gebiet der 
Harmonie. 
Man kann nun eine Tonreihe nehmen und sie nach ihren harmo- 
nischen Ordnungen behandeln, sie durch alle die festgestellten hindurch- 
führend. Man kann eine Melodie durch Harmonie verstärken oder er- 
weitern. Gehen ihre Tongänge in derselben Weise zusammen, z. B. wenn 
mehrere gleiche Stimmen singen oder in der Octavc einander begleiten, 
so haben wir kein oder doch nur ein bedingtes neues Moment; wenn 
aber ein durch die Melodie ausgedruckter Zustand andere, entfernter 
verwandte Zustände in Erregung versetzt oder gegen feindliche verstösst, 
so bekommen wir ein harmonisches resp. disharmonisehes Zusammen- 
gehen, welches uns durch Mannigfaltigkeit erfreut. Eine Melodie kann 
in dieser Weise durch die harmonische Begleitung näher erklärt werden. 
Es können nun aber auch mehrere Melodien neben einander gehen, jede 
für sich selbständiger Lebensausdruck. Sie alle zusammen aber können 
in harmonischem Verhältnisse zu einander stehen. Entweder indem sie 
dabei mehr in ruhigem Nebeneinander, jedes für sich, bleiben oder in- 
dem sie zusammentretend gleichsam eine neue Melodie, die Alles be- 
herrschende, auf den Schild heben. Wie die Liebe wohl aus Sehnsucht, 
Hoffnung, Furcht, Jauchzen und Klagen zusammengesetzt ist, wo alle 
die verschiedenen, ja widerstrebenden Gefühle sich in dem einen Liebes- 
gefühl vereinen, so eine solche Hauptmelodie mit den Melodien, aus 
welchen sie zusammenströmt. 
Sehen wir, woher der Tonkünstler das Material nimmt. Die menscl1- 
liche Stimme und die Instrumente-liefern die Töne. Man mag dieselben 
mit den gewachsenen und den gefertigten Steinen vergleichen, wenn 
wir hier des Vergleichs Erwähnung thun, welchen man so oft findet, dass 
nämlich die Architectur eine gefrorene Musik genannt wird. Um bei 
diesem Gleichniss zu bleiben,_so ist der Componist eines Tonwerkes der 
Baumeister, welcher den Plan entwirft, die spielenden Musiker sind 
seine Werkleute; bei kleineren Stücken kann freilich Entwurf und Aus- 
führung durch Einen geschehen. In einem Tonwcrke sehen wir gleich- 
sam ein durchsichtiges Gebäude, dessen ganzes Gefüge durch und durch 
Lemckc, Acsllietik. 2. Aufl. 27
        

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