Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182188
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Tonk nnst. 
Die 
allen Veränderungen wieder in sich selbst zurückkehrt. Damit haben 
wir ein Ganzes. Andernfalls bleibt die Bewegung gleichsam in der Luft 
hängen; wir haben nichts Abgeschlossenes. Eine solche, in sich ganze, 
rhythmisch und tonisch geordnete Tonreihe ergiebt die Melodie. Un- 
endlich verschieden kann sich in ihr das innere Leben ausdrücken, so 
unendlich verschieden eben die Erscheinungen eines solchen Zustandes 
sind. Im Wechsel von Höhe und Tiefe, Stärke und Schwäche, An- 
schwellen und Absteigen, Dehnung und Hast u. s. w. äussern sie sich 
im Nacheinander der Töne. Die Melodie ist das eigentlich Lebensvolle, 
Beseelte in der Tonkunst. Sie ist nichts Willkürliches, sondern ein 
organisches Gebilde; ein in sich abgeschlossener, ganzer Zustand tritt 
in Erscheinung. Die Einheit und die Mannigfaltigkeit, die Ganzheit mit 
Anfang, Mitte und Ende, Gliederung n. s. w. kommen darin zur Geltung. 
Im Nacheinander der Töne liegt auch für unser Ohr ein Nebeneinander; 
ein Ton hat ein gewisses, wohllarltendes oder verletzendes Verhaltniss 
zu einem andern. Dieses ästhetische Wohlgefallen am Zusammenklang. 
spielt auch in der Melodie keine unbedeutende Rolle, jedoch keine 
Hauptrolle. In der Melodie herrscht vor Allem die Empfindung des 
Menschen vor, das innerliche, lebendige, geistige Wesen. Eine Ver- 
einigung desselben mit der Gesetzmässigkeit des Tonstoiies muss ge- 
schehen oder die Melodie wird kein harmonisches Kunstproduct sein, 
aber nicht die Gesetzmässigkeit des Stoffes tritt voran. Klassisch ist 
die Melodie zu nennen, wo ein völlig entsprechender Stimlnungsausdrilck 
sich in der schönsten anssern Ordnung des Tonstoifes, also in Betreff 
der rhythmischen, tonischen, harmonischen Gesetze bewegt. Starr, 
seelenlos ist die Melodie, wo der Gang der Töne selbst nicht ein inneres, 
reiches, kräftiges Leben verkündet, sondern nur durch die genannten 
Formen ein formelles Wohlgefallen erzeugt. , Wo kein solches geistiges 
Element herrscht, da bekommen wir ein Kunstgebilde ohne Seele. Es 
ist starr, steif, gebunden. Die Ordnung überwiegt zu sehr die Freiheit. 
Wo aber die Empfindung willkürlich herrschen will und sich um kein 
Gesetz kümmert, wo sie jede Ordnung verschmäht, da ist natürlich von 
keinem Kunstwerke zu sprechen. Da mag sie in Tönen toben, schreien 
oder weinen, eine Melodie kann sie nicht ergeben. 
In dem Miteinander der Töne eröffnet sich eins der wunderbarsten 
Gebiete der Tonkunst. Einige Töne klingen im Miteinander für uns 
wohlgefällig, andere missfallig. Dort ein harmonisches Zusammengehen, 
ja Ineinandersehmelzen, hier ein Abstossen oder ein gegenseitiges Zer- 
sagen und Zerreissen. Wir können die Lehre der Harmonie hier nicht 
naher auseinandersetzen; der Kundigere möge hierüber, wie betreffs der 
ganzen Tonlehre, Helmholtz' obengenanntes Werk: Lehre von den 
Tonempfindungen, studiren. 
Ein Ton steht mit einem andern in harmonischem Verhältniss; 
dieser wird durch jenen gleichfalls mitleidend; er ist in seinem Zustande
        

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