Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178029
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Das Schöne 
nichts auszusetzen sein. Da es uns darauf ankommt, solche Schwierig- 
keiten für das allgemeine Verstandniss zu besiegen, so wollen wir eine 
eigne Erklärung geben  keine neue, denn es giebt keine anerkannte 
Definition, die wir nicht schon bei dem ersten grossen Aesthetiker 
Plato vorgezeichnet finden. 
Vorher aber wollen wir noch bemerken, dass alle Erklärungen, 
die selbst wieder schwieriger zu erklären sind als das, was erklärt 
werden soll, verwerflich sind. So z. B. kann eine Definition des 
Schönen aus einer höchsten absoluten Idee oder aus Gott durchaus 
in der Wissenschaft nicht fördern, indem die höchste absolute Idee 
wohl geahnt, aber nicht früher wissenschaftlich begriffen werden kann, 
als bis man die Ideenwelt erfasst hat, die sie einheitlich begreift, 
durchwaltet und ausströmt. Auf das Höhere hinweisen, weiht eine 
Sache, erklärt aber nur dann, wenn das Höhere selber vollständig 
erklärt ist. In den wissenschaftlichen Theil also soll man sich hüten 
Dinge hineinzuziehen, die einer schwierigeren Wissenschaft oder über- 
haupt einem ganz andern Gebiete angehören. Dies zur Erklärung des 
Umstandes, dass hier weder von Dcismus noch Theismus, noch Pan- 
theismus oder Panentheismus die Rede ist. 
Das Schöne ist die Form der Erscheinung, die den uns auge- 
borenen Gesetzen unseres Empiindungslebens entspricht; es ist also 
eine Gesetzmässigkeit, die mit der inneren Gesetzmässigkeit tinsercs 
Ich harmonirt. Aber ist nicht jedes Gesetzmassige an sich schön? An 
sich, ja; aber der besehränktere Standpunkt des Menschen macht eine 
ästhetische Erkenntniss des Gesetzmässigen oder doch ein Gefühl dafür 
nothwendig. Liegt nun jene Gesetzmässigkeit unserem Wesen fern, 
widerspricht sie ihm wohl gar, so können wir nie zum Eindruck des 
Schönen gelangen. Dies ist der Punkt, von dem aus man die Er- 
klärung angreifen könnte: das Schöne ist die Idee in der Erscheinung. 
Im Grunde lässt sich die Idee durch das Gesetzmassige erklären, 
wenn auch eine andere Beleuchtung durch das Wort "gesetzmitssig" 
auf- die ganze Sache geworfen wird. Sage ich: jedes Gesetzmassige ist 
schön, so komme ich in den Widerspruch, dass vollkommene Gesetz- 
massigkcit oder volle Verkörperung einer Idee mir häufig hasslich 
erscheint. Als Beispiel denke man an die Schlange oder an den heran- 
kriechenden Tausendfnss. Die Schlange soll ein Ideal einer Schlange 
sein  warum erschaudre ich oder iinde doch keine ästhetische Freude 
über ihr Kriechen oder das Krabbeln des vielbeinigcn Wurmes? Weil 
Wir die Gesetzmässigkeit der schnellen Bewegung ohne sichtbare 
Bewegllngsapparate, wie sie bei der Schlange stattfindet, nicht sinnlich 
erfassen können, da sie unseren gewöhnlichen Anschauungen wider- 
spricht und weil wir die vielen Füsse des Tausendfusses nicht mehr 
in ihrer Fortschrittsordnuiig übersichtlich auseinander-halten können, 
somit also den Eindruck eines Gewirres erhalten, das für uns nicht
        

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