Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182068
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Die lkllalerei. 
Scene, wie sie hundertfach vorgekommen und an sich ohne historische 
Tragweite. Aber wenn wir nun dasselbe Fussvolk sehen, dazwischen 
aber auf einem scheuenden Schimmel ein starrer Mann im grauen Rocke; 
in die Zügel des Rosses fallen ihm Generale, die ihm Zurück! zurufen; 
um ihn sinkende Grenadiere, nach ihm blickend  so ist das Napoleon 
und Waterloo; ein grosser geschichtlicher Moment ist vorgeführt. Auch 
der einzelne bedeutende Mensch giebt, richtig dargestellt, ein Historien- 
bild, nicht bloss ein Portrait. Julius II. ist seine Zeit; Karl I. von 
Van Dyk, Napoleon abdankend von Paul Delaroche, geben, jener ruhig, 
dieser in einem dramatischen Augenblicke erfasst, der Eine gleichsam 
eine geschichtliche Biographie, der Andere einen geschichtlich drama- 
tischen Höhepunkt. In dieser Weise wird nicht bloss das Portrait, son- 
dern auch das Genrebild in das Geschichtsbild hineingezogen; das Bild 
der blühenden Töchter des Palma Vecchio (Fig 53) wird zu einem Ab- 
riss aus der Culturgeschichte, in welchem uns das frohe, glänzende 
Norditalien jener Tage entgegentritt. Das Geschichtsbild selber kann 
durch eine allgemeine Behandlung, in der das Persönliche soviel wie 
möglich zurücktritt, zu einem Tdeenbilde werden, wofür man nur an eine 
Konstantinsschlacht oder an Kaulbachs Jerusalem zu erinnern braucht. 
Wie das Genrebild zum Ideenbilde wird, dafür habe ich schon auf eine 
Madonna della Sedia hingewiesen, das können auch die Darstellungen 
der heiligen Familie von Rembrandt lehren, all' der Maler-werke nicht zu 
gedenken, wo die Idee des Heiligen den Gegenstand adelt und aus dem 
gewöhnlichen Leben heraushebt. Diese unzähligen Verschmelzungen 
von Portrait, Genre, Historien- und Ideenbild können wir hier natürlich 
nicht verfolgen. Wie im Leben, so in der Malerei, die jenem folgt. 
Was die Geschichte und die als Mythe, Sage u. s. W. auftretende Ver- 
körperung von Ideen betrifft, so braucht man nur darauf hin- 
zuweisen, wie wenig dieselben von einander zu trennen sind. Den 
Maler fesseln darin keine Schranken, nur dass er nicht das Geschicht- 
lich-Festgestelltc in der Art entstellen darf, dass er gegen sein 
besseres Wissen lügt und einer lebenden oder gestorbenen Persön- 
lichkeit dadurch Ehrenkrankung oder Schande bereitet. Die allgemeinen 
Anforderungen an die Wahrhaftigkeit, wie sie im Leben gelten, gelten 
auch für ihn unbedingt. So wenig der Geschichtsschreiber aus einem 
Helden einen Schuft machen darf, so wenig darf es der Maler oder 
Dichter. 
Viele, sehr wichtige und schwierige Fragen waren auf diesem Ge- 
biete zu erörtern, die wir hier übergehen müssen; nur wenige wollen 
wir andeuten. So z. B. diejenige, nach der sogenannten realistischen, 
naturwahren Behandlung in der Historienmalerei. Was haben wir z. B. 
Wegen der Costümtreue für Anforderungen zu stellen? Was wegen der 
ganzen Darstellungsweise? Im Allgemeinen kann man nur sagen, dass 
der Maler auf der Bildungsstufe seiner Zeit stehen soll. Beschäftigt er
        

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