Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182004
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Die 
Malerei 
Künstler den Menschen mit ernsten, gemüthliclien oder schalkhaften 
Blicken durch alle Stände, durch alle Gemüthszustände hindurch. Er 
zeigt das Kind in der Wiege, das erste erwachende Bewusstsein, wie es 
der Mutter die Aermchen entgegen streckt; er lehrt es gehen, weiss 
seine artigen und seine unartigen Streiche, kennt das Mädchen und 
den Buben in und hinter der Schule, im Hause und beim Spiele. Heida! 
da stürzen die Bauernbuben aus der Schule, oder da sind sie im Heu! 
Welcher herrliche Purzelbaum! Was die zwei vornehmen Knaben 
schauen  0 Sehnsucht, Freiheitsgcfühl, auch so frischweg spielen und 
tollen zu dürfen, aber Instructor Pfatifenstoek geht hinterher: S" ist 
nichts für euch, kleine Herren; das ist nur für Gassenbuben, die nur ein 
Tragband an der Hose und keine Weste und keine Jacke haben. Und 
so geht der Künstler weiter mit dem Menschen; Gassenbub wird zum 
Lehrjnngen, der die erste Oigarrc versucht, und das Herrlein wird auch 
grösser. Gassenbub wird wandernder Ilandwerksbursch oder Meister, 
oder vom ersten Obstdiebstahl geht es bis zum falschen Spiel und zu 
blanken Messern, oder zum Halt des Raubers im Hohlweg, oder die 
Fahnen fliegen und die Trommeln rasseln  Hurrah Soldatenleben! 
Hurrah der Sieg beim Becher und Mädchen und auf dem Schlachtfelde. 
Die Thierwelt hat gleich das Kind umspielt. Hund und Katze sassen 
schon an der Wiege, der Kanarienvogel sang im Bauer, Gans und Huhn 
und Ochs und Esel sahen das Kind laufen. Haus und Landschaft ge- 
hörten auch gleich dazu, denn Hunnen- und Gothengeister mögen sich 
in den Lüften schlagen und die Engel mögen im Himmelsblau fiiegen, 
aber das Kind muss Stuhl und Schemel und Bretterboden oder muss 
einen regelrechten Hof oder Heuschober oder Apfelbäume, oder was es 
nun ist, haben, um zu-spielen und unartig zu sein; und der Bub, den die 
alte Frau dort von Qualern befreit, passt auch nicht in eine Gloria und 
isst und trinkt nicht Ambrosia und Nectar, wie Ganymed, sondern 
kaut Brod, welches der Spitz gleichfalls liebt. Und wenn Caravaggiois 
Spieler nicht in einer gewöhnlichen Kneipe sässen, oder wenn Adrian 
von Ostade's Bauer nicht einen umgestürzten Korb zum Ruhesitz aus- 
erkoren hätte, sondern jene eine Idealwohnung zum Fechtboden für ihre 
langen Schwerter machten, dieser einen Idealfelsen eines Frescobildes 
zum Sitz hätte, so wäre ja die Geschichte eine ganz andere. Nein, ganz 
genau bis auf den Hosenknopf und die Spitze am Kleide oder den letz- 
ten Schluck im Glase malt uns der Genremaler seine Geschichte. Wer 
fragt, 0b Chriemhild ein Wollen- oder ein Leinenkleid trägt, wie sie 
dort unter den Nibelungen liegt, während Etzel wie versteinert auf 
seinem Throne versunken in Gram und Brüten sitzt, aber was für ein 
Kleid Kaspar Netschefs J ungfräulein trägt, die dort so coquett mit so 
zierlich gehaltenen Fingern ihr Papageichen füttert (Fig. 50), das ist 
eine sehr wichtige Frage für das Jungfraulein sowohl, wie für uns, und 
ob Frau Mieris in Sammt oder Seide geht oder ob daswirklich ein
        

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