Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181898
Die Landschaft. 
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Griechen  in der Darstellung der Gärten des Alkinous, des Laertes, 
der Landschaft der Calypso  und bei den Römern, dann überhaupt 
wohl im Mittelalter (die Rosengärten), ferner so häufig bei den meer- 
bezwingenden Holländern mehr eine Freude am schön Geordneten, 
Gartenmässigen, Reizenden gewahren, worin die Natur sich völlig oder 
leicht der Macht des Menschen fügt, als an ihren grossartigen Schöpfungen 
und dass der Mensch, von der Natur noch gedrückter, noch lieber sich 
in sein Menschenwerk, wie in seine Muschel zurüekzieht und das Zimmer, 
die Architectur, die er geschaffen, höher stellt als die freie, ihm gleich- 
sam roher erscheinende Landschaft. Stets aber hat es Sinn für die 
Naturschönheit gegeben; der Römer, der sich nach Bajae oder in sein 
Tibur zurückzog, wusste sie wohl zu schätzen; selbst den eisigen Soracte 
sah er nicht so ungern ragen, obwohl er, wie schon gesagt wurde, noch 
in der schwierigen, wilden, gewaltigen Natur mehr den Feind erblickte, 
als dass er daran eine solche Freude empfunden hatte, wie hauptsächlich 
Wir Stubenmensehen, die wir froh sind, eine noch ungebändigte Natur 
zu sehen. Die antiken landschaftlichen Darstellungen zeigen uns eine 
schöne, stilvolle, durch Architectur u. drgl. geschmückte Anlage; die 
menschliche Thätigkeit waltet darin vor; dabei aber ist die landschaft- 
liche Freude an Meer und Land, schönen Hügeln, Bauwerken, Gärten 
u. s. w. deutlich ausgesprochen. Zur Ausbildung der Landschaftsmalerei 
gehörte aber eine hohe Technik, z. B. genaue Kenntniss der Linear- 
perspective und grosse Farbenbeherrsehung für die Darstellung der 
Luftperspeetive. Ausserdem freilich musste auch wohl noch ein Anderes 
hinzu kommen: der Mensch musste erst so sehr von der Natur in Haus 
und Stadt und Mauerring abgeschlossen sein, dass endlich eine gründ- 
liche Reaction dagegen nothwendig ward und er wieder an die Brust der 
Natur iiüchtete, um sich gleichsam vor sich selbst und seinen Einseitig- 
keiten zu retten. Ich möchte hier auf Züge aus dem Leben eines grossen 
Atheners und eines grossen Florentiners hinweisen. Sokrates pflegte zu 
Sagen, dass er von der Natur wenig lernen könne und darum den 
Menschen und der Weisheit nachginge; wenn es nicht nöthig war, ging 
61' nicht aus dem Mauerring von Athen hinaus. Auch Michelangelo fand 
seine Aufgabe im Menschlichen beschlossen; wir sahen, wie er die für 
niedriger erachtete Natur, darin ein Kind der älteren Zeit, zurück drängte. 
Aber wie Soerates unter dem schattigen Ahornbaum am Ilissus in Ent- 
Zücken ausbricht, so finden wir auch in Michelangelo einen Durchbruch 
des Naturgefühls. Es will uns an Moses gemahnen, der aus der Ferne 
das gelobte Land erschaut, wie der betagte Greis auf den Bergen von 
Spoleto steht und den Geist der stillen Wälder und Berge in sich saugt. 
„Ich habe," schreibt er, „in diesen Tagen mit vieler Beschwerde und 
vielen Kosten, doch zu meinem grossen Vergnügen unternommen, die 
Einsiedler in den Bergen von Spoleto zu besuchen, dass ich kaum mit 
halbem Herzen nach Rom zurückgekehrt bin; fürwahr nur in den Wäl-
        

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