Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181880
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Malerei. 
Die 
tecturbildern ist etwas Aehnliches; das blosse Wiedergeben der Form 
eines Bauwerkes würde nur eine bauliche Bedeutung haben; durch Luft 
und Umgebung, sowie durch Hervorhebung der Bedeutung desselben für 
den Menschen, weiss der Maler daraus ein malerisches Kunstwerk zu 
machen. Eine Hütte ist unter seinen Händen nicht bloss eine Hütte, 
sondern etwa eine Wohnung zufriedener Armuth; ein Palast wird zu 
einem Wohnsitz des Reichthums, der stolzen Grösse oder des ver- 
kommenden I-Iochmuthes. Je mehr übrigens auch hier die Objecte für 
sich selber sprechen, desto objectiver kann und soll der Künstler sein; 
dazu gehört freilich, dass er sich um so tiefer in den Geist des Archi- 
tecten und in das Kunstwerk des Gebäudes selbst versenkt. Wie auch bei 
einem solchen Architecturbild bald die Form, bald die Stimmung, z. B. 
bei Darstellung von Ruinen, das vorherrschende Element sein kann, 
brauche ich nicht auseinander zu setzen. Wie das Stillleben in's Genre, 
so führt das Architecturbild in die Landschaft oder es verschmilzt wohl 
der Art mit ihm, dass man kaum einen Unterschied machen kann und 
nicht weiss, wohin man ein Gemälde rechnen soll. Ganz bestimmte 
Gränzen giebt es überhaupt für solche Eintheilungen nicht; nur die 
Forderung, eine Hauptsache zu geben und nicht viele Dinge zu bieten, 
deren keines durch einen besonderen Nachdruck als Hauptsache hin- 
gestellt ist, wirkt hier bestimmend ein. 
Das Landschaftsbild ist eine der neuesten grossen Errungenschaften 
des künstlerischen Geistes. Erst seit wenigen Jahrhunderten hat es der 
Maler verstanden, ein grosses Stück Natur so zu durchdringen und 
geistig und technisch zu beherrschen, dass er es zu einem Hauptvor- 
wurfe seines Werkes machen konnte. Aus der Bildung des Hinter- 
grundes für menschliche Darstellungen erwuchs die Landschaft, nicht 
zum wenigsten durch Tizian gefördert, der, mit hellem Auge in die 
Natur schauend und mit höchster künstlerischer Kraft begabt, für seine 
schönen Darstellungen auch die schönen Landschaften wohl zum Hinter- 
grunde wählte, die seinen Blicken sich boten. Es wäre ein fesselndes 
Thema, das Interesse und Verständniss für die Landschaft bei den ein- 
zelnen Völkern zu belauschen, namentlich bei den Alten. (Siehe Hum- 
boldt's Kosmos II und Jac. Burckhardt: Oultur der Renaissance in 
Italien, Metz: Uebcr die Empfindung der Naturschönhcit bei den Alten 
u. A.) Wir würden auch bei ihnen ein weit grösseres finden, als sehr 
häufig angenommen wird, freilich ohne den sentimentalen Zug, dcn man 
wohl seit dem vorigen Jahrhundert in die Natur zu legen gewohnt ist. 
Mehr aber noch, als einem fehlenden geistigen Interesse möchte es der 
Schwierigkeit der Darstellung zuzuschreiben sein, dass wir die Land- 
schaft erst so spat auftreten sehen. Es ist wahr, dass der Mensch so 
lange wohl die Natur als seinen Gegner betrachtet, bis er sie vollständig 
besiegt hat und dass derjenige, welcher schwer mit ihr kämpfen muss, 
sich hauptsächlich an der Besiegtcn erfreut, so dass wir bei den
        

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