Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181801
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Die Malerei. 
nicht genug WVechsel darin sehen oder, wenn sie ihn auch sehen, nicht 
die tiefere Kenntniss besitzen, welche dazu gehört, ihn wieder zu geben. 
Obwohl das Gesicht durch seine Formation dem Maler unendlich viel 
bequemer ist, indem Nase, Augenrand, Schnitt der Lippen u. s. w. ihm 
den verlangten Wechsel in Form und Licht gewähren, sehen wir darum 
den Maler doch am liebsten es in eine Stellung bringen, bei welcher ihn 
der Schatten unterstützt; er nimmt es nicht gern voll oder ganz Profil. 
Ein Portrait, wie es Hans Holbein der Jüngere zu malen verstanden 
hat, ohne die genannten pittoresken Etfecte, im vollen Lichte, z. B. sein 
Erasmus, ist wohl den meisten Portraitmalern geradezu unmöglich. 
Aber selbst die Beleuchtung hebt nicht so sehr über die Schwierigkeit, 
als dass der Maler nicht den harten, schroffen, verwitterten, runzligen 
Köpfen für gewöhnlich einen Vorzug vor den glattstirnigen, glatt- 
wangigen geben sollte, weswegen er auch einen Schatten werfenden 
Hut, eine Binde um den Kopf, überstchcndes, einrahmendes langes 
IIaar, Bart u. dgl. so gern benutzt. Der Maler gebraucht Contraste, 
um wirken zu können, Contrastc in Licht und Schatten, in den Formen, 
in den Farben; aber solche Contraste müssen es sein, die er in eine 
höhere Harmonie bringen kann. Danach kann man erkennen, warum 
er eine frühlingsgriine Landschaft weniger gebrauchen kann, als die 
herbstliche mit ihrem bunten Laube, warum er eine Ruine lieber -hat, 
als ein blankes Palais, warum er keine glatten Kleider, sondern Falten 
werfende haben will, warum ein Bettler malerischer zu sein pflegt, 
als ein Stutzcr, ein Soldat des dreissigjahrigen Krieges oder ein ver- 
wetterter Marodeur oder ein Räuber malerischer, als der bestgeschniegeltc 
Gardesoldat. Das Schwerste für die Malerei ist aber darum auch die 
einfache Schönheit. Viele werden sich bei Rafaels Madonnen über die 
Einfachheit derselben wundern, wie sie z. B. so gleichmässig beleuchtet, 
ohne alle Etfcctc von Licht und Schatten dasitzen, ohne zu wissen, dass 
dies das Schwerste ist, wogegen eine rechte Effectmalerei voll auffallen- 
der, gleich beim ersten Blick in die Augen steehender Contraste eine 
Spielerei zu nennen. Nicht im sehroüen Wechsel von Licht und 
Schatten liegt Rembrandts Kunst, sondern darin, wie er Licht und 
Schatten in einander hinüberschmelzen und verschwimmen lasst. Um 
so mehr die Malerei zu den Contrasten drängt, um so mehr hat sich der 
Künstler zu hüten, dass er sich nicht blindlings fortreissen lasst, son- 
dern Maass hält, und sich vor der Effecthascherei hütet, von vielen 
Klippen, die in seinem Fahrwasser liegen, nicht die kleinste und 
ungefährlichste. Die Strömung führt direct an ihr hin, immer in 
Wirbeln gegen sie drangend; der Künstler soll sich wohl hüten und soll 
wachen und gut steuern, dass er nicht aus seinem richtigen Fahrwasser 
komme.  Schon Mancher meinte in tieferes Wasser zu gelangen, lenkte 
gegfän die Klippen und kam in's Seichte und sass auf. Viele und stolze 
Schiife sind da zu Grunde gegangen.
        

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