Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181790
Das Malerische. 
387 
gezogenes Beinkleid macht ihr so zu sagen übel; sie giebt hundert 
geschniegelte, glattschauende und glattlächelnde Dandys für einen 
lumpigen, hohläugigen, struppigen Bettler. Sie verträgt keine grosscn, 
einförmigen Flächen; Zerklüftung, Rissigkeit bis zu den Runzeln des 
Antlitzes hinab sind ihr lieb. Wir können einen guten Einblick ge- 
winnen, wenn wir die Nachbildung des Nackten in Betracht ziehen. 
Warum bildet durchschnittlich der Maler nicht so gern das Nackte des 
Menschen, wie der Bildhauer? Er gebraucht nicht die Gewänder zum 
Stützen, wie wir dort gesehen haben; er könnte ja beliebig seine Stoffe 
so wählen, dass er in der schönen Nacktheit zu schwelgen vermöchte. 
Statt dessen sehen wir ihn wohl gern nackte Körpcrtheile neben der 
Gewandung anbringen, aber mit Wenigen Ausnahmen die volle Nackt- 
heit scheuen, sie wenigstens nicht als Hauptsache behandeln. Die 
grossen Maler des Nackten sind zu zählen  ein Michelangelo, 
Correggio, Tizian, Rubens und wenige Andere. Michelangelo bildet 
seine Menschen, seine Heiligen nackt, Correggio, legt seine entkleidete 
Antiope, Tizian seine sogenannten Venusbilder ohne Gewandung vor 
unsere bewundernden Blicke; auch Rubens scheint oft im Nackten zu 
schwelgen. Haben andere Maler etwa aus sogenannter Sittlichkeit und 
Schamgefühl das nicht gethan? Sie hatten wenig Grund zur Scham 
gehabt, wenn ein Michelangelo sich nicht schämte. Der Grund ist ein- 
fach, dass die Wenigsten ohne scharfe Lichtcontraste das Nackte der 
grösseren Parthien, z. B. des Rückens, des Schenkels zu malen ver- 
stehen, weil sie bei einer gleichmässigen Beleuchtung das leise Licht- 
und Schattenspiel nicht festhalten können wegen Mangels an Kenntniss 
der Formen. Sie bringen einen Wirrwarr von Licht und Schatten, 
keine richtige Körperlichkeit heraus; man muss genau die Muskeln 
kennen, um mit dem Auge so fest jede Erhöhung und Vertiefung zu fühlen, 
dass man auch die leiseren Andeutungen festhalten und wiedergeben 
kann. Ein Tizian und Correggio zeigen-einen tausendfaltigen feinen 
Wechsel in der Behandlung des Fleisches, den richtigen Wechsel; sie 
brauchen keine starke Nachhilfe durch ein stark einfallendes, schatten- 
des Licht; sie malen da Körper, bilden da die plastischen Formen 
heraus, wo Andere nur einen flachen Rücken einen flachen Schenkel 
bilden könnten, wenn sie nicht durch Beleuchtung, die starke Schatten 
und helle Lichter zeigt oder durch ein Uebermaass in der Behandlung 
der Musculatur sich hülfen. Aus diesem Grunde sehen wir das Nackte, 
wo es in grösseren freien Parthien gebildet ist, häufig so behandelt, als 
0b der Maler eine Anatomie geben wolle; aus diesemgGrundc wählt er 
lieber die verschrumpfteren oder die athletischen Formen, als eine 
Sanfte, leichtschwellende Schönheit der Glieder. Auch ein Rubenä 
machte es sich darin bekanntlich gern bequem. Es fehlt am Können, 
nicht am guten Willen, wenn die menschliche Schönheit des Nackten 
nicht öfter gebildet wird; für die Meisten ist  unmalerisch, weil sie 
 ' 25'
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.