Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181785
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Malerei. 
Die 
Anforderungen der Farbentiefe und der sorgfältigen Ausführung des 
Einzelnen durchaus nicht erfüllt sieht, das aber, worin die Fresco- 
malerei sich auszeichnet, Grösse, Kühnheit, dann die Tretflichkeit der 
Compositiorl selten zu würdigen versteht. Frescobilder verlangen, wie 
die Plastik, ein längeres Vertrautsein, um zu gefallen und dem Be- 
schauer ganz aufzugehen. Sie sind nach der einen Seite hin die 
Marken dieser Kunst, auf der andern liegt die Miniaturmalerei mit ihren 
kleinen und winzigen Gestalten und ihrer minutiösen Ausführung. Wo 
die Frescomalerei wenig angewandt ist, werden wir häufig oder ge- 
wöhnlich ein Drängen des liialerischen zum ZiGTllChBl] und Kleinlichen 
finden; sie schützt dagegen. Michelangelo war in seiner Art ein Heros; 
so haben wir die Frescomalerei, die ihm als männlich gefiel, heldenhaft 
zu nennen; ihm war seine Peterskirche erhaben; in seinen Gemälden 
gab er gleichsam nur sich selbst, ohne sich so unendlich über sich zu 
steigern, für uns darum nicht minder erhaben, wenn er es auch nur 
männlich taufen mochte. Deswegen haben wir seine Bezeichnungen 
um einen Grad tiefer zu setzen, weil sein Maass zu hoch ist, und wir 
nennen die gute Oelmalerei, die sich nicht in's Kleinliche verliert, die 
männliche Kunst; nur die in ihrer Genauigkeit peinlicheren Arten, 
welche als das Höchste Zierlichkeit, Feinheit des Details und Glätte 
erstreben und den kräftigen Ausdruck darüber opfern, könnten weib- 
liche Künste heissen. 
Man ersieht aus dem Gesagten, wie sehr wir, wenn wir von 
"malerisch" sprechen, gewöhnt sind, an die mehr in der Farbe ihre 
Hauptwirkung suchenden Arten zu denken, z. B. an die Oelmalerei. 
Wir brauchen auf diese, als die bekannteste, nicht näher einzugehen. 
Ihre Fähigkeit, alle Farbenschwicrigkeiten zu besiegen, die feinsten 
Verschmelzungen einzugehen, die leisesten Nuancen auszudrücken, ist 
schon hervorgehoben; ebenso steht ihr jede Tiefe der Farbe, jede Kraft 
derselben zu Gebote; nur an Leuchtkraft steht sie den Arten nach, 
welche einen glänzend hellen Hintergrund durchschimmern lassen 
können. Dass keine Farbe ein eigentlich blendendes Licht wiedergeben 
kann, ist kaum zu bemerken. Die Sonne selbst lässt sich nicht malen, 
ebenso kein electrisches Licht u. dgl.  
In Kürze wollen wir den so viel gebrauchten Ausdruck „ malerisch" 
zu bestimmen suchen. Die Malerei will auf der Fläche Körper geben. 
Dazu bedarf sie, wie wir sahen, des Wechsels von Lieht und Schatten, 
des Wechsels in der Körperform. Man kann sagen, dass Wechsel ganz 
allgemein die Grundbedingung des Malerischen ist. Alles Einförmige, 
Gleichförmige, keinen Schatten Zeigende ist ihr zuwider. Eine glatte, 
neu und gleiehmässig bemalte Mauer ist ihr für die Nachbildung ver- 
hasst; das alte, zerfallene Gemäuer voller Lücken, hie und da mit 
herabgefallenem Bewurf und Gras, von Moos bewachsen, ist ihre 
Freude. Ein glattansitzender Frack und ein durch Strippen glatt-
        

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