Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181778
Technik. 
Fresco- 
und 
Oelmalerei. 
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Weiber sei. Weil die Frescomalerei in der Farbengebung beschränkt 
ist, wird sie um so mehr auf die Bedeutung des Darzustellenden achten 
und auf die eigentliche Oomposition, auf Gruppirung, Linienführung, 
Rhythmus der Formen. Sie wird ähnlich wie das Relief sich so wenig 
wie möglich mit den unbedeutenderen, dann auch nicht mit den haupt- 
sächlich durch die Farbe 'zu gebenden Dingen beschäftigen, also z. B. 
die Vegetation, wenn sie kann, zurückdrängen oder aus dem Spiel 
lassen. Menschliche Figuren zu bilden wird ihr hauptsäclilichster 
Vorwurf sein; in ihnen wird sie mit der höchst möglichen Kraft zu 
wirken suchen, somit gern das Nackte zu I-Iülfe nehmen. Man sieht, 
wie weit der Stil des Frescogemäldes von dem des Oelbildes entfernt 
ist. Nur so kann man die Worte Miclielangelds begreifen (siehe Her- 
mann Grimm: Michelangelo), die F1'ancesco d'Ollanda von ihm gehört 
haben will, welche den allgemeinen malerischen Anforderungen ent- 
gegenlaufen, wenngleich sie nur auf Kirchenmalerei bezogen sind. „Die 
Niederländer," sagt Michelangelo, „suchen das Auge zu täuschen; sie 
stellen liebliche, angenehme Gegenstände dar, Heilige und Propheten, 
denen sich nichts Böses nachsageii lässt, Gewänder, Holzwerk, Land- 
schaften mit Bäuinen und Figuren, was als hübsch auffällt, in der 
Wahrheit aber nichts von der echten Kunst in sich hat, und wo es sich 
weder um die innere Symmetrie, um sorgfältige Auswahl und wahre 
Grösse handelt. Kurz, eine Malerei ist es ohne Inhalt und Kraft. Aber 
ich will nicht sagen, dass man schlechter male als anderswo. Was ich 
an der niederländischen Malerei zu tadeln habe, ist, dass man auf 
Einem Gemälde eine Menge Dinge zusammenbringt, von denen ein 
einziges wichtig genug wäre, um ein ganzes Bild auszufüllen. So aber 
kann keines in genügender Art vollendet werden." Aus diesen Worten 
des grossen Meisters spricht der Plastiker, der die Dinge aus dem Zu- 
sammenhange löst und der Frescomaler, der ähnlich wie die Relief- 
bildnerei seine Werke zu behandeln hat und gleichsam seine Gestalten 
aus farbigem Kalk auf die Mauern heftet. 1m Allgemeinen ist seine 
Ansicht von der Malerei zu bekämpfen, indem das, was er verwirft, die 
Zuthaten, der Hintergrund der Landschaft, das Zusammenbringen Von 
Vielerlei gerade ein wesentlicher Zug des Malerischen ist, der sie der 
Plastik gegenüber frei macht und, anstatt eines einzelnen Objectes, 
einen Weltabschnitt schön zu behandeln befähigt. N11? für daS Frcsco- 
bild hat er Recht, nicht aber für die Oelmalßrei und andere Arten- 
Unter den verschiedenen Arten der Malerei hat natürlich jede ihren 
eignen, aus Technik, Material u. s. w. sich ergebenden Stil.  So wenig 
z. B. die Technik des Orgelspieles anwendbar ist auf Klavierspiel, so 
wenig die des Fresco für Oelgemälde. Im ßngemelnen sind wir in 
Deutschland jetzt so wenig an Frescomalerei gewöhnt, dass meistens 
bei deren Anblick der Beschauer Enttäuschung fühlt und ihre Art 
armselig zu nennen gcneigtist, weil er die aus der Oclmalerei cntlelmten 
Lemcke, Acsthetik. 2. Aull. 25
        

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