Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181650
Composition. 
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des Stoffs die Bibel ein so unerschöpflieher Quell für Maler, Dichter 
und Musiker, sondern auch wegen der Kürze und Einfachheit ihrer 
Erzählung, die nur die nöthigsten Züge giebt. Man vergleiche die 
Kreuzigung und Bestattung im Ev. Johannes mit dem Tode und der 
Bestattung des Patroklos im Homer. Dort ist einfach ein Hergang 
erzählt, vom künstlerischen Standpunkte aus betrachtet grossartig in 
seiner Einfachheit. Uns selber bleibt Alles überlassen; so tief unsere 
Gefühle sind, so tief können wir uns hineinversenken. Wenn die Saite 
des Herzens anklingt, so geben wir stets unser Bestes zu dem, was das 
Evangelium erzählt. Daher ist die tiefste,umfassendste Wirkung dafür 
bleibend; es ist Jedem verständlich, Jedem genügend; es ist uner- 
schöpflich sehrankenlos, weil es keine Schranke im Einzelnen giebt. 
Hierin arbeiten wir stets mit unserm Besten; Homer giebt uns sein 
Bestes, wenn er den Tod und die Bestattung des Helden erzählt. Er 
bestimmt Alles genau und lässt uns auch im Einzelnen wenig Wahl, 
wie wir es auffassen wollen. Diese seine durchgearbeitete Schönheit ist 
wunderbar, aber weil sie Zug für Zug so wunderbar durchgearbeitet 
ist, bietet sie in dieser Form für andere Künstler keinen so bequemen 
sVorwurf. Der Maler wird dadurch nicht unterstützt, wie manche 
meinen, sondern gebunden. Nur durch eine Entschlossenheit, wie sie 
den meisten alten Künstlern durch die richtige Schule zu Theil ward, 
wird er im Stande sein, selbständig ein schönes Kunstwerk aus solchen 
Dichtungen herauszugestalten.  
Was die Wahl des Stolfes in der Malerei anbetrifft, so werden wir 
die verschiedenen Arten später betrachten. Es gilt hier erst einen all- 
gemeinen Blibk darauf, sowie auf die Composition, auf die künstlerisch 
anordnende Thätigkeit des Malers zu Werfen. Wir können hier füglich 
die Worte des Aristoteles aus der Poetik anwenden und damit beginnen: 
"Es muss also, wie in den übrigen nachahmenden Künsten die einzelne 
Darstellung Darstellung eines Gegenstandes ist, ebenso auch die Fabel, 
da sie Darstellung einer Handlung ist, nur eine und diese ganz dar- 
stellen, und die Thatsachen, welche Theile derselben sind, müssen auf 
eine solche Art verbunden sein, dass, wenn ein Theil versetzt oder 
weggelassen, das Ganze auseinandergerissen und zerrüttet wird. Denn 
was dasein oder auch nicht dasein kann, ohne etwas in der Handlung 
bemerkbar zu machen, ist gar kein Theil des Ganzen." Diese Worte 
kann Jeder leicht auf die Malerei anwenden. Der Maler mag nur das 
neunte und die folgenden Oapitel der Poetik weiter lesen, um sich im 
Einzelnen die Nutzanwendnngen daraus zu ziehen. Ich will hier noch 
einen einzelnen Satz für die Wahl des Stoffes herausgreifen; „Vo11 den 
einfachen Fabeln oder Handlungen aber sind die episodenreichen die 
schlechtesten. Ich nenne nämlich episodenreich eine Fabel, in welcher 
es weder die Wahrscheinlichkeit noch die Nothwendigkeit fordert, dass 
die Auftritte so und nicht anders aufeinander folgen." Der Maler, der
        

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