Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181605
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Die Malerei. 
er nur einen Moment darstellt. Man ersieht daraus, wie schwierig es 
ist, den richtigen, bedeutenden malerischen Moment zu erfassen. Das 
Gemälde, was nur eine Episode verführt, steht ästhetisch niedriger, 
ganz von dem zu geschweigen, was nur als eine Illustration zu betrach- 
ten ist. Doch ist dieses nicht in der Art misszuverstehen, als ob ich 
etwa aus einem Bilde genau erfahren müsste, wie eine historische That- 
sache vor sich gegangen, welche Personen dabei mitgewirkt, wie die 
Personen ausgesehen u. drgl. Es wird nur gefordert, dass ein Gemälde 
durch Geschlossenheit, Schönheit und malerische Wahrheit als ein 
selbständiges Kunstwerk erscheine, dass es malerisch keine Lücken 
habe. Es soll keine Eselsbrücke zur Anschauung von einem daneben 
stehenden Text sein, sondern für sich allein seine Bedeutung in sich 
tragen. Ob der Vorwurf aus irgend einem Text gewählt ist, bleibt 
gleichbedeutend; es giebt dann keine Illustration, sondern ein Gemälde. 
Wir hätten hier, wenn der Raum es gestattete, einen Blick auf die seit 
Lessings treffliehei- Erörterung im Laokoon so oft behandelte Frage 
zu werfen, wo die Granzen zwischen dem Malerisehen und der Dich- 
tung liegen, welche letztere bei der Wahl des Stoffes und des Momentes 
besonders in Betracht kommt. Doch müssen wir auf Lessing und auf 
die eingehenden Untersuchungen Anderer darüber verweisen. Im All- 
gemeinen hat man noch immer zu klagen, dass die Malerei ihre An- 
regung zu viel in der Poesie sucht oder sich doch, ihre Armuth und 
Unselbständigkeit verrathend, zu sehr _an diese anlehnt, dann, dass sie 
überhaupt in einem Anklammern an den durch Geschichte u. drgl. über- 
lieferten Stoff, in möglichst grosser sogenannter 'I'reue der Darstellung 
einen Triumph sieht. Es lässt sich nichts weiter "darüber sagen, als 
dass der Maler, der Künstler überhaupt nie vergessen soll, dass die 
Wahrheit seiner Kunst stets zuerst in Betracht kommt, dass er in seiner 
Kunst und durch seine Kunst herrschen soll, aber keiner anderen 
Kunst oder Wissenschaft Diener ist, wenn es sich um ein freies Kunst- 
 Werk handelt. Wie eng er auch im Einzelnen, z. B. an die naturgetreue 
Darstellung gebunden ist, der zu Folge er das, was er darstellt, richtig 
darzustellen hat, so giebt es für ihn in der Composition, in der ganzen 
künstlerischen Behandlung kein anderes Gesetz, als was seine Kunst 
dictirt. Alles Gegebene ist nur Stoff für ihn, mit dem er in seiner Art 
nach seinen Kunstgesetzen umspringt, der ihm nicht mehr ist, als was 
der Stein für den Bildhauer. In seiner Art! Wenn er es mit höheren, 
völlig bestimmten Wesen zu thun hat, so kann er nicht lang machen, 
was kurz war, nicht dick, was dünn; er ist vielleicht an die genaueste 
Aehnlichkeit, in der Nachbildung gebunden, aber im Anordnen, Zu- 
sammenstellen, in Stellung, Wahl des bedeutenden Momentes ist er unbe- 
schränkt. Ist er mit dem sicheren malerischen Blicke begabt, so wird 
ihn wenig kümmern, wie ihm das Material übergeben wird; er compo- 
nirt es dann schon, dieses Wort in weitumfassendem Sinne zu verstehen;
        

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