Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181584
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Die 
Malerei. 
die Beleuchtung macht; ein Zimmer in der Dämmerung, im Sonnen- 
schein, bei Kerzenlicht, eine Gegend, von Morgenroth überglüht, in 
Mittagssonnenbeletichtilng, von Gewitterwolken verdunkelt, von trübem 
Regenhimmel überspannt, in den Schatten des Abends, welche verschie- 
denen Eindrücke! Die Dinge sind dieselben, aber die Stimmung, die 
sie erwecken, ist gänzlich verschieden. Die Plastik hatte sich nicht 
daran zu kehren, sondern so viel wie möglich das wahre Sein zu bil- 
den; die Malerei soll auch dieses zu erkennen suchen, aber nur als 
Grundlage für den Schein, in dessen wechselndes, nie zu erschöpfendes 
Reich sie sich freudig stürzt. Welche Poesie kann sie nun zeigen, wie 
frei gestaltend scharfen, wie unabhängig ist sie von den Dingen ge- 
worden, wie weit sind die Gränzen des Schönen gesteckt. Mit der 
Starrheit der Architectur und der Strenge der Plastik verglichen, er- 
scheint die Freiheit der Malerei wie Willkür. Und, lässt sich sagen 
Ungebundenheit ist ein malerischer Characterzug, vor deren Uebermaass 
sich der Maler nur hüten kann, wenn er die architectonischen und plasti- 
schen Gesetze nicht ganz und gar ausser Augen verliert. Denn wie 
weit die Gränzen der Malerei sind, Gränzen sind da. Wir sahen, dass, 
Stimmungen und Affecte ihr Gebiet ausmachen; es ward aber auch 
schon gesagt, dass jene an Formen gebunden sind, dass ein völliges 
Zerfliessen aller Formen nicht mehr eine rein malerische Wirkung giebt, 
sondern eine der musikalischen vergleichbare. Wie weit der Maler 
darin gehen kann, lasst sich nicht bestimmen; eine blosse Farbenhar- 
monie, die das Körperliche ganz ausser Augen verloren hat, die also 
keine Zeichnung mehr erkennen lasst, geht über die Gränzen des Ma- 
lerischen. Je stärker der Künstler in der Zeichnung ist, desto weiter 
kann er in dieser Farbenwirkung gehen. Ohne Zeichnung kommt nur 
ein verschwommenes, verhimmeltes Bild heraus, oder ein kaleidoskop- 
artiges Gebilde. Ein Rembrandt, ein Murillo können uns sicher bis an 
die äussersten Gränzen führen, wo alle Formen aufgelöst und wir nur 
in Farbentönen zu schwimmen scheinen  dammernde, unergründliche 
Tiefen oder Himmelsweiten voll Licht  weil sie auch Meister der 
Form sind. Aber den Höhepunkt des Malerischen setzen wir nicht in 
die verschwimmende Glorie einer Himmelfahrt Maria von Guido Reni, 
sondern die sicheren, klaren Gestaltungen Rafaels werden von Allen als 
solche gepriesen. Wenn hier der Künstler seine Gränzen einzuhalten 
hat, so hat er es nicht minder in der Darstellung des geistigen Lebens. 
Wir sahen ihn auf die Atfecte hingewiesen; ist es ihm nicht genug, 
Empfindungen, Stimmungen, Leidenschaften zu malen, meint er nun 
auch noch direct in das Gebiet der Gedanken hineingreifen zu können, 
um Gebiete der Poesie für sich zu gewinnen, so wird er fehlerhaft oder 
verschwendet doch seine Kraft. Die Aeusserungen der Gedanken, nicht 
die Gedanken selbst kann er malen. Gedanken also," die sich nicht äus- 
sern oder in ihren Aeusserungen doch nicht von andern zu unterschei-
        

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