Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181565
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Die 
Malerei. 
von dieser seelischen Kraft des Künstlers die Wahl seiner Stoffe abhängt. 
Wer sich nur oberflächlich in die Stimmung des Objects versenken kann, 
wird an einem Characterbild scheitern. Wer nur für die schwächeren 
Characterbewegungen Verständniss hat, wem die Kraft mangelt, die 
Tiefen des Seelischen zu ergründen und dessen Höheflügen sich nachzu- 
schwingen, der kann keinen grossen historischen Stoff bewältigen. Ver- 
ständniss für das Seelische, wo es die Körperwelt bewegt, Kenntniss des 
Körperlichen sind Grundbedingungen für den Maler. Der Künstler ist 
nicht immer, was er darstellt, aber in dem Augenblicke, wo er darstellt, 
muss er es sein. Die Empfindungsfähigkeit dafür muss er besitzen. 
Die Zeichnung allein, ohne Farbe, hat man mit Recht gesagt, ist 
idealistisch; die Farbengebung ist realistischer. Man braucht nur daran 
zu denken, dass wir nur unter ganz besonderen Umständen, etwa durch 
einen besonderen Hintergrund, die Dinge so scharf geschieden sehen, 
wie der absohliessende Strich des Zeichners sie darstellt. Die Dinge 
sind farbig und die einzelnen Farben spielen ineinander über. Licht 
und Schatten wirken ineinander; Reflexe verändern den Eindruck. Wir 
sehen überhaupt die Farbe stets unter dem Einfiusse des Lichtes und 
je nach dessen Helligkeit, Stärke, Trübe modificirt. Wir sehen ferner 
die Farben durch ihre Nebeneinanderstellung bedingt. Roth auf Gelb 
sieht z. B. anders aus, als Roth auf Grün. In dem allgemeinen Theil 
haben wir eine kurze Betrachtung der Farbe gegeben, worauf wir hier 
verweisen wollen. Es sieht nun also der Maler die Gestalten in ihren 
Umrissen durch das Hineinschimmern des Lichtes nichtgenau so, wie 
sie sind. Das scharfe Licht z. B., das auf ein Object fällt, verzehrt 
gleichsam durch seine helle Beleuchtung einen Theil desselben; der tiefe 
Schatten verstärkt es. Um so nöthiger ist die Kenntniss der wirklichen 
Form, dann aber auch die Kenntniss der verschiedenen Licht- und 
Farbenwirkungen. Ein Gesicht, welches ich in Sonnenbeleuchtung sehe, 
hat einen warmen Farbenton, indem das gelbe Sonnenlicht mit der vom 
Blut durchrötheten Hautfarbe sich warm röthlich- gelb verbindet; sehe 
ich die blaue Luft neben der Haut, so trifft der Eindruck des Blau mit 
dem vorigen zusammen und es entsteht ein grünlieher, verschmelzender 
Schimmer. Ein rother Vorhang wirft andere Refiexe und verbindet sich 
zu einem andern Ton in der Menschenfarbe, als ein grüner oder gelber. 
Es versteht sich, dass in dieser Beziehung der Maler den feinsten Sinn 
haben muss und nur durch Einhaltung des Gesetzmässigen in der 
Farbenverbindung etwas Harmonisches zu Stande bringen kann. Wer 
etwa ein Portrait in der Beleuchtung eines rothen Vorhangs malte, dem- 
selben aber hernach einen frühlingsgrünen Hintergrund geben würde, 
könnte niemals einen harmonischen Eindruck erzeugen. 
Auf die wunderbare Befähigung des Auges, die dem Maler unent- 
behrlich ist, die feinste Licht- und Schattenveränderung nachzufühlen 
und dadurch den Gegenstand körperlich zu sehen, brauche ich nur hin-
        

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