Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181525
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Malerei. 
Die 
stämme kommen bekanntlich niemals über diese Fratzenbildung beim 
Zeichnen hinaus; sie lernen nie von der Natur. Ein unberechenbar 
wichtiger Schritt ist gethan, sobald man diese zu vergleichen und 
genauer nachzubilden anfängt; es sind dann eigentlich alle Schranken 
gefallen, die den Weg zur wahren Kunst verschlossen. Auf Darstellung 
der Bewegung im Gegensatz zu der Ruhe der Plastik wird die Malerei 
von Anfang an verfallen. Hier hindert keine Schwere, hier bricht kein 
Material oder muss gestützt werden, wie in der Sculptur; 0b der Arm 
hängt oder vom Leibe abgehalten wird, 0b die Beine schreiten, 0b sie 
in der Luft schwebend, springend dargestellt sind, oder nebeneinander 
stehen, ist für den Zeichner ganz gleichgültig. _Wenn der plastische 
Bildner wohl Arme und Beine fortlässt und eine Herme bildet, oder 
wenn er seine Statuen sitzend mit angeschlossenen Armen und regel- 
mässig vor sich gestellten Beinen meisselt, so wird im Gegentheil der 
Zeichner seinen Menschen meistens schreitend  gleichgültig wie steif 
 darstellen und wird selten unterlassen, die Arme in Bewegung zu 
zeigen. Seine Unbeholfenheit wird ihn erst recht dazu antreiben. Er 
weiss, der Mensch hat zwei Arme und zwei Beine; er wurde glauben, 
seine Zeichnerei sei sehr mangelhaft, wenn er etwa einen Arm verdeckt 
durch den Körper darstellte oder wenn ein Bein hinter dem andern 
nicht sichtbar wurde. Die Frage jedes Kindes in ähnlichem Falle: hat 
der Mensch nur ein Bein? wo ist der andere Arm? gilt für diese Stufe 
allgemein. Daher sehen wir bei den Plankenzeichnungen unserer 
Strassenjugend so gut wie auf den ägyptischen und griechischen 
Reliefs jene Stellung so beliebt, die den Oberkörper gedreht erscheinen 
lässt und die volle Brust mit beiden vollständigen Armen bei vorwärts- 
schreitenden Beinen zeigt. Die Gegenstände werden nebeneinander und 
hintereinander dargestellt, auch übereinander, wenn es gilt, eine Tiefe 
des Gemäldes zur Anschauung zu bringen. Das Relief des Flussüber- 
gangs (Seite 346) veranschaulicht uns diese Manier, welche die noch 
nicht gefundene Perspective ersetzen, die noch nicht recht verstandene 
ergänzen muss. Ausgeschlossen ist bei einer solchen Darstellung kein 
sichtbarer Gegenstand. Alles Sichtbare im Raum, das Form oder Farbe 
zeigt, kann Objectsein. Eine Beschränkung, wie beim Plastischen, 
hemmt nicht. Eine grosse Feinheit, Kraft, Innigkeit der Zeichnung ist 
schon jetzt möglich, wie Vieles auch noch zur wahren Malerei fehlen 
mag; daneben der trelflichste Geschmack für die Harmonie der Farben, 
wie für deren einzelne Schönheit. Im Allgemeinen wird ein plastisches 
Element vorherrschen; die Gegenstäudekönnen wohl harmonisch zu 
einander gestimmt sein, aber zum Verschmelzen, zum Zusammengehen 
des Ganzen sind die Wege doch noch nicht gefunden. 
Zeichnen, vielleicht schon ein vortreffliches Zeichnen mit durchaus 
richtigen, rund empfundenen, plastischen Linien, und Anmalen, bilden 
die Kunst auf dieser Stufe. Aber erst, wenn der Künstler die Körper-
        

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