Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181518
Zeichnung und Farbe. 
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allein, wird als Malerei verstanden, wenngleich der Baum hier nach 
dem Gipfel genannt worden ist. 
Wir haben hier nicht näher zu untersuchen, ob die erste Zeich- 
nung vielleicht aus dem Schattenriss entstand, den beleuchtete Dinge 
auf eine (lahiuterliegende Fläche werfen, oder 0b der Mensch zu seinem 
Erstaunen bemerkt hat, dass eine Fläche viele Gegenstände in ihrer 
Körperlichkeit durch Spiegelung wiederzugeben vermag, und danach 
Nachbildungen versucht hat. Vielleicht hat die erste Beobachtung von 
Anfang an mitgewirkt; die zweite sicherlich erst spät und langsam. 
Nöthig ist keine. Es liegt im Menschen der zeichnende Nachbildungs- 
trieb, der die Linien, welche an einem Körper sich zeigen,namentlich 
die scharfen Linien der Begranzung gegen andere Körper wieder zu 
geben gesucht. Jeder besehmierte Thorweg weist uns, wie aus der 
blossen nur symbolisch zu nennenden Bezeichnung eines Gegenstandes 
die Zeichnung heraus wächst, indem die ausseren Gränzformen z. B. 
eines Menschen die rohen Andeutungen überwachsen. Ein Kreis stellt, 
nicht mehr den Kopf vor, sondern die Nase tritt heraus, der Mund 
öffnet sich, das Kinn zieht sich an den Hals; der Arm ist nicht mehr 
durch eine einzige Linie ausgedrückt, sondern zwei Linien schliessen 
ihn ein; kurz ohne die Absicht, dem Schattenrisse nachzueifern, ent- 
steht eine demselben mehr und mehr ähnliche Zeichnung, die nun die 
übrigen Hauptlinien, vor Allem die des Auges aufnimmt und damit über 
den Schattenriss hinausgeht. 
Eine solche Zeichnung ist auch die Grundlage des Reliefs; doch 
haben wir vorgezogen, diese Umrissbildung auf einer Fläche erst hier 
zu betrachten. Die Ausfarbung derselben wird bald ein Bedürfniss; 
dazu genügt noch das gleichmassige Auftragen der Farben ohne Lieht 
und Schatten; auch zeigt sich auf dieser Stufe die Stärke des Farben- 
sinnes Weit den Geschmack überwiegend. Das Grelle, Bunte ist am 
beliebtesten; feinere Unterschiede sieht man nicht, ja wohl kaum die 
gröbsten; jede Farbe dient tiir die ganze Scala, die aus ihr gebildet 
werden kann; so z. B. hat die menschliche Hautfarbe rötblichen Ton; 
Roth ist dem Maler Roth und er malt den Menschen etwa purpurfarbig 
oder ziegelroth, oder er hebt das Weiss der Haut hervor und nimmt 
ein Kalkweiss; auf die Abstufungen und Verbindungen der Farben 
kommt es ihm noch nicht an, wenn sie nur im Allgemeinen gegeben 
sind. Die Farbenlust ist hier überhaupt rücksichtslos; Naturähnlich- 
kßit gilt wenig, wie ein Blick auf das Malen der Kinder lehren kann, 
die nicht die Natur, sondern ihren Malkastexi fragen, nur zufrieden, 
wenn sie grelle, prunkende Farben auftragen können. Es ist eine 
höhere Stufe, die ihr Vorbild in's Auge fasst und etwas Aehnliches 
machen will, Zu Anfang wirkt die ungeübte Phantasie allein, wodurch 
die für den Geübteren so unnachahmlichen, sonderbaren Gebilde der im 
Zeichnen Unkundigen entstehen. Viele Menschen und ganze Völker-
        

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