Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181507
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Die lkialeroi. 
komisch oder hässlich zu werden. Die Malerei dagegen wirkt durch 
eine Doppelwirkung, z. B. nicht bloss durch eine Gestalt an sich, sondern 
durch eine Gestalt und eine ganz bestimmte Beleuchtung, durch eine 
Gestalt und die Umgebung, in die sie hinein versetzt ist. Also nicht 
mehr eine einfache Schönheit ist es, welche sie erstrebt, sondern eine 
zusammengesetzte. Ein Gegenstand braucht nicht mehr in sich harmo- 
nisch zu sein, sondern zwei oder mehrere Dinge sollen zu einem harmo- 
nischen Eindruck sich vereinen. Was also für die Plastik absolut 
hässlich ist, ist es nur höchst bedingt für die Malerei, welche die 
Dissonanz des Hasslichen trefflich benutzen kann, freilich immer nur, 
wenn dieselbe in eine Harmonie aufzulösen ist. 
Nicht ein Ding, sondern Dinge in ihrem Zusammenhange Will die 
Malerei geben. Wo sie ein Ding darstellt, und dieses ganz abge- 
schlossen, oder wo sie mehrere Dinge abgeschlossen neben einander 
stellt, ist sie plastisch. Geht die Malerei von der Plastik aus, von den 
Gränzen, die diese nicht ungestraft überschreiten durfte, so erkennt 
man leicht, Wohin ihr Weg führen muss, wenn sie dem Plastischen den 
Rücken wendend ihr Ziel in der Weise verkennt, dass sie meint, je 
weiter sie sich von der Plastik entferne, desto besser; am besten, wenn 
auch keine Spur mehr von derselben zu entdecken sei. Also statt 
Abgeschlossenheit und Schärfe der Bildung ein völliges Verschwimmen 
und Verduften der Gestaltungen, ein Verhauchen und Verklingen, wie 
dies in ihrer Art die Musik so unübertretflich giebt. Fanden wir bei 
der Plastik das Architectonische und das Malerische als die Gränzen, 
so haben wir bei der Malerei das Plastische und das Musikalische als 
solche. Wir sahen früher, dass der strenge Stil immer Ausgangsbe- 
strebungen angehört, der schöne Stil die richtige Mitte trifft, der 
manierirte Stil, wo er nicht durch absichtliehes Altcrthümeln den 
strengen Stil nachäift, das Ziel in eine andere, in ihrer Art höhere 
Kunst versetzt. Der strenge malerische Stil ist also plastischer, der 
manierirte durch Farbenwirkung gleichsam musikalischer, als der 
schöne Stil erlaubt. Bei der Erneuerung eines fehlerhaft gewordenen 
Stils ist es nöthig, auf den Anfang zurückzugeben und von dem Aus- 
gangspunkt aus den wahren Weg wieder zu suchen. Das gilt in jeder 
Kunst. Jedoch ist dabei ein Einleben in die alten einfachen Formen 
und ein Naehääen derselben wohl zu unterscheiden. Jenes rettet aus 
der Unnatrlr, Uebertriebenheit und Willkür; dieses gebraucht die Ein- 
fachheit und Einfalt als eine Art Reizmittel für den übersättigten Ge- 
schmack. 
Wir haben die Malerei wohl zu unterscheiden vom Bemalen. Sie 
geht nicht von dem Anmalen aus, sondern "von der Zeichnung. Der 
Stamm ist die Zeichnung, so möchte man sagen, der laubige Blätter- 
gipfel das Malen oder die Farbengebung. Aber beide gehören zu- 
sammen; nur das ganze Gewächs, nicht die Zeichnung oder das Colorit
        

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