Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181489
Genius und klage nicht so viel über die Schranken, sondern durchbreche 
sie. Durch Klagen und Sichfügen wird nichts Neues geschaffen. S0 
ist der Götz von Berlichingen, ist die Iphigenie, so sind Glucl-fs, 
Mozarts, Beethoven's Werke nicht entstanden. Kein Napoleon, 
Shakespeare, Kopernikus, Cäsar, Alexander, kein bedeutender frucht- 
barer Geist hat sich mit dem begnügt, was da war, weil es da war. 
Aber man braucht den Bildner ja nicht auf andere Gebiete zu verweisen. 
Da sind Phidias, Praxiteles, Michelangelo, Peter Vischer, lauter Neuerer. 
Da kann er ja nur auf Canova, Thorwaldsen und auf Rauch blicken. 
Sie bildeten ihre Zeit, sie folgten ihr nicht bloss. Dazu gehört freilich 
mehr als nur Schule oder nur Geist. Es gehört Geist und gründliche 
Schule dazu, oder es wird in der Erfindung oder in der Ausführung 
fehlen und nichts Verständiges herauskommen. 
Unsere Plastiker haben mit grossen, oft unüberwindlich scheinen- 
den Schwierigkeiten zu kämpfen. Ihnen entgegen steht die Tracht, das 
Vorwiegen des innerlichen geistigen Lebens, das Fehlen des plastischen 
Sinnes überhaupt, die Unruhe, das Weiter-drängen der Zeit, mit dem die 
Abgeschlossenheit, die sorgfältige Piiege der Einzelheit, die harmonische 
Ruhe und das In-sich-befriedigt-sein der Plastik contrastirt. Aber wie 
schlimm es auch sein mag, die Zeit ist doch nicht so schlimm, dass der 
bedeutende Künstler zu verzagen braucht. Wenn der Bildner klagen 
will, so soll er sich an den armen Knaben erinnern, der seinem Vater 
wohl das Essen auf den Zimmerplatz nachtrug und dann die Axt nahm 
und an dessen rohen Schitfsgallionen weiter bildete. War die Zeit besser 
als die unsere? ist die unsere manierirter? war jene plastischer? klüger? 
Der Knabe hiess Berthel Thorwaldsen; er wuchs und ward Bildhauer. 
Da schaute er durch die Kleider; _da kümmerte ihn kein Wust, keine 
alberne Verschrobenheit, keine falsche Grazie, keine lächerliche Würde. 
Er folgte seinem Geist und den hellenischen Vorbildern, und wiederum 
erstanden Meisterwerke der Plastik und wieder war die Welt von sol- 
chen Gestalten entzückt. Er warf weg, was er nicht brauchen konnte, 
und er schuf oder nahm hinzu, was ihm fehlte. Die Welt hat stets 
geklagt, dass Dies oder Jenes leider ein" unübersteigliches Hinderniss für 
Jenes oder Dieses sei. Aber dann kommt ein Geist und übersteigt oder 
schiebt das Hinderniss bei Seite. Dazu gehört freilich Begabung und 
Energie. Aber ohne diese Eigenschaften wird überhaupt nichts be- 
deutendes Neues geschaffen und wird das gute Alte verdorben. Wie 
schwer es darum auch der Plastiker haben möge, sein Wahlspruch 
muss sein: Trotz alledem! Und wenn er die Schönheit der Form zum 
Ziel nimmt, die klare, die kräftige Schönheit, und wenn er die Kraft 
hat, sich nicht beirren zu lassen, dann wird er das Plastisch-Schöne 
schaffen und es auch zur Anerkennung bringen.
        

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