Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177954
wie gut ich auch seine Aeusserungen kenne, nicht wieder erwecken, 
während ich eine Melodie stets wieder vor das geistige Ohr zu rufen 
vermag. Nur bei Krankheiten, namentlich Nervenstörungen, treten 
davon Ausnahmen ein, welche jedoch nicht hieher gehören, wo es sich 
um die normalen Thätigkeiten der Sinne handelt. 
Alles Empfinden kann nun bezogen werden auf Gefallen oder 
Missfallen. Das Gefallende nehmen wir gern an; das Missfallende ist 
zuwider. Was den Sinnen in der Empfindung gefällt, ist angenehm. 
Davon wird aber das den höheren Sinnen Wohlgefällige abgesondert 
und durch den Sprachgebrauch ziusgezeiclnlet; was es hervorruft, heisst 
schön. Seinem ursprünglichen Begriff nach bezieht sich schön nur auf 
den Sinn des Gesichts, indem es von Schauen oder Scheinen abgeleitet 
ist; es ist diese Bezeichnung für das Wohlgefällige des höchsten Sinns, 
des (lcsichts, dann aber auch auf (lasjenige des Gehörs ausgedehnt 
worden und so nennen wir z. B. auch die Musik schön. Doch hat es 
Aesthctiker gegeben, wie hier bemerkt werden mag, welche das Schöne 
ausschliesslich dem Schanbaren zuerkennen, und Alles, was wir im 
Hörbaren schön zu nennen pflegen, nur als angenehm bezeichnen. Zu 
solchen im Gegensatze stehen alle diejenigen, welche, wie namentlich 
bei den unteren Volksklassen, besonders im Dialect vielfach geschieht, 
auch die Empfindungen der niederen Sinne als schön bezeichnen. Dem 
Geruchsinn wird dieser Ausdruck zum öftersten gegeben: "die Rose 
riecht schön", aber auch wohl das Essen schmeckt "schön", welche 
Bezeichnung nicht selten einen scherzhaften Gradmesser für den Werth 
abgeben mag, in welchem die Annelnnlichkeiteil der niederen Sinne 
im Verhältniss zu den höheren stehen. Für solchen Geschmack im 
eigentlichen Sinne und in Zeiten solchen Geschmacks, die nicht gefehlt 
haben, rückt dann natürlich die Kochkunst zur echten, hochgepriesenen 
Kunst auf und finden wir sie und ihre Ausüber als ästhetische Grössen. 
Es versteht sich, dass zum allgemeinen Wohlgefallen jede Ver- 
stimmung irgend eines Sinns ausgeschlossen, dass die Befriedigung der 
niederen Sinne von höchster Annehmlichkeit und Wirksamkeit ist und 
von grösster allgemein-ästhetischer Bedeutung sein kann, ganz abge- 
sehen von der Grundbedingung, dass das animalische Bedürfniss z. B. 
des Essens, der nöthigen Warme, der Abwesenheit eines zum Ekel 
reizenden Geruchs u. s. w. befriedigt sein muss, um überhaupt von 
einem Wohlgefallen reden zu können. Hier gilt nur, dass die niederen 
Sinne dem Reiche des Angenehmen, nicht dem Schönen angehören. 
Wenn wir nun das Wohlgefallige des Schönen näher prüfen, so 
zeigt sich, dass es rein ist, d. h. dass es durch keine Befriedigung 
eines Zwecks, einer Nutzerfüllnng für uns hervorgebracht ist. "Nütz- 
lich, sagt schon Aristoteles in seiner Rhetorik, 1st vorzüglich das Ein- 
trälgliehe; würdig aber das den Schönheitssinn Befriedigende. Ein- 
traglich nenne ich das, was einen Ertrag liefert, den Schönheitssinn
        

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