Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181409
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Die Bildnerei. 
verschlinge. So schuf er ihm Glieder, die nicht blos für den eifrigen 
Rächer des Juden an dem Aegypter passen, sondern von einer so furcht- 
baren Kraft strotzen, dass man meint, er könne Jehovah's entbehren, 
um alle Widersacher zu zermalrnen. Und wenn er Christus in der 
Sixtina malte, so malte er nicht die Gestalt des Leidenden am Kreuze, 
sondern er schuf den Gott, der als Mensch ergrimmt mit Drauen und 
Geisselhieben den Tempel von den Unsaubern und Schacherern gerei- 
nigt hatte. Es hielt sich Michelangelo an's Körperliche; die meisten 
Künstler mühten sich darin ab, eine stille seelische Tiefe der Empfin- 
dung in der Bildnerei wiederzugeben. So bewunderungswürdig darin 
auch viele Leistungen sind, so konnte bei einer solchen Auffassung 
doch für die Plastik keine solche reiche Entwickelung gewonnen werden, 
als dies bei der das Menschliche und Geistige verschmelzenden Weise 
der Griechen möglich war. Die Götter- und Heroenwelt ist zu bekannt, 
als dass' ich nöthig hätte, weitläufig auseinanderzusetzen, wie nun die 
Fülle der göttlichen Gestalten in ihrer idealen Schönheit der Plastik 
den herrlichsten Stoff gab. Vom jugendlichen Eros (Amor), durch die 
Jünglingsgestaltexi des Bacchus, Hermes (Merkur), Apollon, Ares (Mars), 
hinauf zu den Mannesgestalten eines Poseidon (Neptun) und des All- 
vaters Zeus. Artemis (Diana), Pallas Athene (Minerva), Aphrodite 
(Venus), Here (Juno), welch verschiedene Typen! Das Göttliche ver- 
langte stets das Allgemeine und dieses in der höchsten Schönheit; so- 
mit schuf der Grieche für jedes Göttliche ein Ideal im eigentlichsten 
Sinne. Doch genügt hier die Andeutung, um die ganze Wichtigkeit 
einer solchen Götterbildung für die Plastik zu zeigen. Auf die wunder- 
vollen Idealbildungen selbst können wir hier leider nicht näher ein- 
gehen. Nur erinnert soll werden an den Zeus und die Athene des Phi- 
dias, an die Here des Polyk-let. Bekannt ist die Erhabenheit derselben 
aus so vielen Erzählungen. Man glaubt, in der Zeusbüste von Otricoli 
(Fig. 39) eine Erinnerung an den Zeus des Phidias zu besitzen, und 
wohl kann dieselbe dazu dienen, obwohl ich die enge Stirn, die wir 
auf dieser Büste -gewahren, nicht dem Phidias zuschreiben möchte. Ein 
Seitenstück dazu besitzen wir in dem Herakopfe der Villa Ludovisi 
(Fig. 40). 
Individuell, wie unsere Zeit ist, werden wir uns meistens einer 
grösseren Individualisirung mit Vorliebe zuwenden und werden Viele 
die Allgemeinheit des Ideals, z. B. das der Here, als eine gewisse Kälte 
empfinden. Doch ist dabei zu bedenken, dass ein solches Götterbild in 
.dem Tempel stand und dass in streng architectonischer Umgebung eine 
solche allgemeine Idealität ganz anders wirkt, als wenn dieselbe in das 
vollkommen reale Leben mit seiner Individualisirung hineingestellt wird, 
Was in der freien Natur nicht realistisch und scharf genug betont er- 
scheint, kann, von strenger Architectur umgeben, unruhig, unleidlich 
erscheinen. Es schickt sich eben Eins nicht für Alle, und derjenige
        

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