Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181383
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Die Bildnerei. 
(S. 259) die Venus von Melos. Hier bedeckt das Gewand den Unter- 
körper der Göttin, aber zugleich dient es als Stütze. Der Künstler 
wollte seine Venus weder nackt bilden, noch wollte er ihr einen Baum- 
stamm, Delphin und dergl. als Stütze geben. Wozu die Gewänder am 
Laokoon, bei der Merope u. A. dienen, ist leicht zu sehen. Der Künstler 
muss natürlich verstehen, solche Stützen so zu behandeln, dass Niemand 
etwas Anderes erblickt, als ein fiiessendes, herabsinkendes Gewand. 
Wie manche Gewand-Bildwerke sind aus solchem technischen Grunde 
zu erklären. Gehen wir kurz über zu dem Gebrauche des Mantels, wie 
er bei uns häufig ist. Wenn ein heutiger Künstler einen Zeitgenossen 
im Zeitcostüm zu bilden hat, so ist die Einförmigkeit der vom Rock 
überspannten Rückentläche in die Augen springend. Der nackte Rücken 
mit seinen Schultern, der Rinne, den vielen Muskeln ist ein herrlicher 
Vorwurf. Man braucht nur an den Torso oder den Ilioneus zu erin- 
nern. Der glatt überspannte ist dagegen bildnerisch so gut wie un- 
leidlich. Hier hilft das schöne, faltige, rliessende Gewand, der Mantel. 
Zugleich kann nun dieser Mantel, bis auf die Erde oder passend bis auf 
sonstige Stützen heruntersinkend, vortreiflich dazu beitragen, die sta- 
tischen Schwierigkeiten zu überwinden und als Stütze zu dienen. Ja, 
man könnte es wohl als Anforderung stellen, dass ein so langes Gewand 
dann auch bis zur Erde falle, damit man nicht die Füsse so dünn und 
anscheinend schwach unter der grossen Gewandausdehnung erschane, 
wie dies bei der jetzigen Modetracht der geschürzten Kleider mit ge- 
waltigem Reifroek geschieht, wo man zwei Steckchen darunter zu er- 
blicken glaubt. Der Mantel wird von unseren Künstlern zwar sehr 
häufig angewendeyaber leider kann man nicht behaupten, dass dies 
stets mit besonderem Verstandniss geschieht, und sehen wir wohl Ge- 
stalten mit Mänteln tiberladen, wo kein anderer Grund den Künstler 
kann dazu bewogen haben, als der unverstandene allgemeine Satz, dass 
eine Mantelbildung schön sei. Alterthum und Mittelalter waren naiv, 
sagt man oft; man kann ebensogut sagen, dass sie denkender waren in 
der Kunst als unsere Zeit. 
Für die Idealbildung ist die hellenische Plastik maassgebend ge- 
wesen. Nicht blos die Schönheit der Gestalten, die wir schon ange- 
führt haben, auch der Cultus trug dazmbei, die höchsten plastischen 
Ideale zu erzeugen. Der Polytheismus fnit seinen vielen Göttern und 
Göttinnen, dann der Heroenglaube förderte das schon vom Stil be- 
dingte Hindrängen der Sculptur zur Bildung des Allgemein-Schönen. 
Der Gott des Ohristenthums wird der Abbildung so viel wie möglich 
entzogen; er ist geistig. Nur in Christus, dann in seiner Mutter können 
unsere Künstler die Erhöhung des Menschlichen zum Göttlichen aus- 
drücken. Die Engel des gewöhnlichen christlichen Mythus sind zu un- 
bestimmt; sie haben, möchte man sagen, zu wenig Fleisch und Bein ge- 
wonnen. Die Heiligen stehen der Heroenbildung am nächsten und hat
        

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