Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181310
Symbolik. 
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Es ist ja jedem bekannt, was unsere Archäologen sich häufig abzuquälen 
haben  zuweilen wäre es freilich nicht so nöthig - um herauszu- 
bringen, was für eine Gestalt wir denn vor uns haben, diesen oder 
jenen Gott, Heros, Feldherrn oder Gymnasten? Wenn der Engländer 
heute eine bis zum Gürtel nackte männliche Figur mit dicken Hand- 
schuhen oder in Boxerstellung gebildet sieht, so wird er im Allgemeinen 
gleich erkennen, dass er einen Boxer vor sich habe; bei den Griechen 
bedeutete so die Nacktheit den Athleten; ein über den Kopf gezogenes 
Gewand bedeutete dem Römer die Sammlung des Gebetes; der Kothurn 
war dem Theater eigenthümlich. Auf die allgemeine Zeichensprache 
braucht man nur hinzudeuten, um deren Erklarungskraft darzuthun; 
wir falten z. B. die Hände, wenn wir beten oder im höchsten Grade 
bitten, indem wir uns gleichsam selbst fesseln und so gefesselt dar- 
stellen; knien, die Faust krampfhaft schliessen, den Arm erheben und 
die Faust schütteln  solche Körpersprache versteht Jeder leicht, wenn 
auch manche Beziehungen der Art nicht allgemein gültig unter allen 
Völkern sind und nur in engeren Völkerkreisen Geltung haben. 
Für neuere Werke eine besondere Symbolik herauszuheben, ist 
nicht nöthig. Im- Ganzen kann man sagen, dass unsere Bildner darin 
den Alten nicht gleich kommen, wobei die Schuld bald an ihnen selbst, 
bald ausser ihnen liegt. Nicht zum kleinen Theil mag, was die eigene 
Schuld betrifft, es daran liegen, dass sie nicht selbständig genug bei 
ihren Attributen verfahren und zu viel aus dem Alterthum herüber- 
nehmen wollen, statt daraus zu lernen, umwdann selbständig das 
Passende zu finden. Andererseits haben sie es schwer, weil die Naive- 
tät und die Phantasie mangelt oder gering ist, die dem Beschauer die 
Andeutung anstatt des Ganzen genügen lassen. Verwöhnt durch die 
Malerei denken wir z. B. nicht leicht und dann mit halbem Wider- 
Streben daran, dass eine Säule auf einem Bildwerk, sei es Freibild oder 
Relief, einen Tempel oder ein Haus bedeuten, ein Helm die Rüstung 
vertreten soll. 
Alle Bestimmungen sind Beschränkungen; leicht könnte man in_ 
die Versuchung kommen zu fragen, wie denn nun die Plastik in solcher 
Gebundenheit, wie sie das Angeführte erkennen lässt, das Schöne ge- 
stalten könne. Und doch hat sie das Schönste geschaffen, ihre Ord- 
nungen einhaltend, Schönheiten, die in ihrer Art vielleicht dem Ideal 
am nächsten gekommen sind, verglichen mit den Bestrebungen der 
anderen Künste. Nichts hat diexWelt mehr entzückt als der olympische 
Zeus und die knidische Venus; in dem Maasse, in so stetiger Weise, 
wie die griechische Plastik den Menschen zu vergöttlichen gewusst hat 
in der Bildung des vom Geist durchströmten Körpers, hat wohl keine 
andere Kunst in ihrer Sphäre zu wirken vermoeht. Wir haben bisher 
hauptsächlich die Bedingungen, welche aus dem_Material und der Tech- 
nik erwachsen, in's Auge gefasst. Sehen Wl1' Jetzt, wie der Künstler
        

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