Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181203
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Bildnerei. 
Die 
wichtigsten Theile, Kopf, Hals, Brust verkürzt und verkümmert zu 
zeigen, muss er von dem Standpunkte aus, von welchem das Werk, 
in Bezug auf das Ganze wie auf das Einzelne, den schönsten Anblick 
gewährt, die Verhältnisse des Werkes bestimmen und die Formen 
darauf hin zu behandeln wissen. 
Dies kann ihn veranlassen, dem Oberkörper, je höher, desto 
längere Maasse zu geben als gemäss wäre, wenn der Blick durch das 
von unten nach oben Schauen nicht die richtigen Verhältnisse kürzte. 
Ferner wird er_ darum besonders auf die Stellung zu achten haben; je 
höher die Statue, desto mehr muss z. B. das Angesicht vornüber- 
geneigt sein, um einen vollen Anblick zu gewähren; andernfalls würde 
der Betrachter sich mit dem Kinn, der unteren Nase und dem Augen- 
knochenrande zu begnügen haben. Phidias war bekanntlich ein Meister 
in der Kunst solcher so nöthigen Berechnung. Ich möchte hierbei 
darauf aufmerksam machen, 0b nicht die bis zu 1000 überhängende 
Stirn mancher griechischen Idealbildung aus ähnlichen perspectivischen 
Gründen gebildet ist, nicht aber aus dem Bestreben allein, das Geistige 
der Stirn dadurch besonders zu betonen. Die Griechen erstrebten vor 
allen Dingen Schönheit; eine solche überhängende Stirn ist nicht 
schön; sie drückt auch nicht einmal die höchste geistige Kraft aus. 
Die Stirn des schaffenden Geistes ist nicht senkrecht, viel weniger 
überhängend, sondern zurückfliegend; die Stirn des Ueberliefertes ver- 
arbeitenden Geistes ist freilich senkrechter, wodurch wir in einen Streit 
gerathen würden, 0b nun Dieses oder Jenes höher zu stellen sei. 
Wollten wir aber auch aus beiden eine Mittellinie bilden, so würden 
wir doch niemals zu dem angegebenen übermässigen Gesichtswinkel 
kommen, sondern nur zu einer Linie, wie wir sie in den meisten 
griechischen Bildungen gewähren, weswegen jene Ausnahmen beson- 
ders in's Auge zu fassen sind. 
Die..Darstellung einer einzelnen schönen Gestalt kann alle Schön- 
heit der Plastik zeigen; ja sie lässt sich als deren eigentliche Aufgabe 
bezeichnen. Von ihr gilt natürlich alles über die Schönheit des Men- 
sehen oder des Vorbildes überhaupt Gesagte, so wie das nach den 
allgemeinen Gesetzen des Schönen Geforderte. Idee und Erscheinung 
müssen in jeder Beziehung den ästhetischen Anforderungen entsprechen. 
Aber die Bildnerei bleibt bei der Einzelgestalt nicht stehen. Sie stellt 
zwei und mehrere Gestalten zusammen. Wir können hier nicht die 
Gruppenbildung ins Einzelne gehend untersuchen. In bedingter Weise 
gehört die Reiterstatue hierher, obwohl Mann und Ross darin mit 
einander verschmolzen und in gewisser Hinsicht nur als eine Figur zu 
rechnen ist. Sie gehört wegen der Bildung des Rosses hauptsächlich 
der Erzbildnerei an, die, von schon genannten Gründen abgesehen, 
das Thier ohne Stütze darstellen kann, was in anderem Material wegen 
der schlanken Beine schwer oder gar nicht möglich ist. Ohne mich
        

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