Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181183
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Die Bildncrei. 
schöne Einzelheiten besonders hervorheben, wie z. B. den Rücken, 
steht aber der frei entfalteten nach. Ueberschneidungen durch die vor 
den Körper gelegten Arme, eng übereinandergelegte Beine sind darum 
ebenfalls nicht stilvoll plastisch zu nennen. Nur ein Wechsel des 
Nackten und der Gewandung, wie bei der Amazone des Kresilas, lässt 
ohne Weiteres Ausnahmen zu; sonst wird der Plastiker im Allgemeinen 
die Arme so vom Körper abgezogen zu bilden haben, dass sie nicht 
Gesicht und Rumpf verdecken und dadurch gleichsam Schönheiten un- 
terdrücken. Auch die Erschwerung der Anschaulichkeit durch solche 
überkreuzte Theile wirkt hier ein, wie leicht zuersehen. Die Me- 
diceische Venus (Seite 260) ist auch in dieser Beziehung unbekümmert 
-um den strengen plastischen Stil gebildet, wobei freilich Nacktheit und 
Scham eine Motivirung gegeben haben. Aber selbst beim Relief, das 
doch vielfach unter andere Gesichtspunkte fallt, ist der angegebenen 
Forderung so viel wie möglich zu genügen. Die Alten haben dieselbe 
durch eine Drehung des Körpers und die Haltung der Arme zu erfüllen 
verstanden.   
Ausser in der Reliefbildung stellt der plastische Künstler sein 
Werk mehr oder weniger frei in den Raum. Es entspringt aus einer 
völligen Freibildung, die. von allen Seiten eine schöne Gestalt zeigen 
will, eine der grössten Schwierigkeiten der. statuarischen Bildnereiu 
Wenn sie eine solche Einzelgestalt schafft, so scheint sie unendlich 
hinter der Malerei zurückzustehen, welche die mannigfachsten und ver- 
schiedensten Dinge componirt und alle geistig ergreifen muss, um sie 
schön wiederzugeben. Der Bildner arbeitet etwa nur eine Gestalt, zu 
welcher er noch Vorbilder nimmt und wobei er sich durch Messungen 
helfen kann. Aber die Malerei giebt ihre Vielheit nur unter einem Ge- 
sichtspunkte; der Bildner giebt einen Gegenstand unter vielen Gesichts- 
punkten. Dort Vielheit in der Einheit, hier Einheit in der Vielheit. 
Beides ist gleich schwer. 
Wir können schon hier darauf hinweisen, wie das plastische Werk, 
das Gebilde der Kunst, nicht in unmittelbare Verbindung mit dem 
Unorganischen der Natur gesetzt werden darf. _Verlangte die Baukunst 
schon ein Mittelglied zwischen Boden und Bauwerk im Fundament, so 
verlangt um so mehr die Bildung des Organischen eine Vermittelung 
mit dem Unorganischen. Man denke an eine unmittelbar auf die Erde 
gestellte Statue. Der steinerne Mensch, der wie ein lebendiger auf der 
Erde steht, wird widernatürlich erscheinen. Schon durch ihre Stand- 
weise muss die Statue als ein Kunstwerk bezeichnet werden. Dies ge- 
schieht durch das Postament, welches sie vom Boden abhebt. 
Am besten bietet sich dazu das architectonisch behandelte Unor- 
ganische dar, das zwischen Boden und Bildwerk geschoben eine treff- 
liche Trennung resp. Vermittelung und Steigerung giebt. Absolut noth- 
wendig ist freilich die architectonische Behandlung nicht.  Peter des
        

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