Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181121
336" 
Bildnerci. 
_Die 
In der bis auf den höchsten Grad bewegten Gruppe des Laokoon 
(Fig. 28) ist der im furchtbarsten Schmerz zusammengezogene, stöl1- 
nende Vater ganz in sich hincingefasst; ebenso das dahinsinkende, 
wie eine Blume knickende jüngere Kind. Aber der ältere Sohn ist 
gänzlich vom Vater abhängig. Der Blick geht völlig heraus, das Ge- 
sicht ist vom Leiden des Vaters bewegt. Das ist malerisch. So hat 
auch der Apollo von Belvcdere durch Blick und Haltung Malerisches, 
aus sich Hinausweisendes. Der Diskoswerfer Myrons ist dagegen 
trotz der verwickelten Bewegung in sich beschlossen. Niobe, zum 
Himmel das Haupt hebend, ist ganz plastisch. Die Unterschiede lassen 
sich natürlich nicht genau definiren. So macht z. B. der auf einen 
Gegenstand fixirte Blick noch nicht das Malerische. Der Knabe, der 
sich den Dorn auszieht, sieht scharf auf die wunde Stelle, der Faun, 
der nach einer Traube schaut, desgleichen, und doch sind sie plastisch. 
Alles kommt hier auf die Sammlung der Seele an, welche sich im 
Werke ausspricht. Man nehme z. B. Michelangelds Lorenzo und an- 
dererseits seinen Mosesl (Fig. 38.) Da ist Lorenzo ganz in sich ge- 
sammelt, nachdenklich, die Plane des Krieges erwagend, gleichsam ver- 
loren für die Aussenwelt; Moses dagegen schaut, malerischer als viele 
Gemälde Michelangelds, der in der Malerei das Plastische liebte, aus 
sich heraus; ein Theil seines Ichs weilt anderswo; es ist als ob die 
Gewalt der Seele jeden Augenblick herausbrechen wolle. Was übrigens 
diejenigen Werke" der Alten anbetrifft, die wir die Granze des Plasti- 
schen überschreiten sehen, so tritt uns da wieder die Frage wegen der 
Bemalung entgegen. [Wo wir heftige Bewegungen der Glieder, dabei 
aber starre Gesichter, wie in den Aegineten-Gruppen, wahrnehmen, 
werden wir vermuthen können, dass die Gesichter durch Bemalung mit 
der Handlung in grössere Uebereinstimmung gesetzt waren] 
Schon aus dieser durch den Stoff geforderten Geschlossenheit der 
Gestalten können wir folgern, dass die Hauptagifgabe der Plastik die 
Schaifung des Einzelbildes sei. Wenn sie nun aber mehrere Figuren 
zu einer Gruppe vereint, so müssen dieselben allerdings einheitlich zu- 
sammengefasst und somit auf einander bezogen werden; um aber den 
plastisclmn Stil nicht zu verletzen, darf der Künstler keinen solchen 
dramatischen Moment erwählen, wo eine Wechselwirkung der Seelen 
geschildert wird, die nur aus Blick und Wort zu erklären wäre. Der 
Bildhauer darf nie vergessen, dass er weder wie der Maler durch das 
Auge und die Farbenstimmung des Ganzen, noch wie der Schauspieler 
mit dem Worte, sondern nur mit dem ganzen Körper sprechen kann. 
Allgemeine seelische Empfindungen sind darum sein Hauptgebiet. 
Liebe, Furcht, Zorn; Verzweiflung, Kühnheit, Stolz, Wehmuth u. s. w., 
kurz Empfindungen, die durch den ganzen Körper sich ausdrücken. 
Hieraus und aus der Forderung der Geschlossenheit ist leicht zu er- 
sehen, Warum die Plastik bei der Bildung von Gruppen mehr auf ein
        

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