Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181112
Kleinliche, Auscinanderfallende, Abgebrochene, Verzwickte soll sie so 
viel wie möglich vermeiden. Man vergleiche ein Gesicht, auf dem ein 
mildes ruhiges Lächeln schwebt, mit einem durch starkes Lachen zu- 
sammengezogenen. Jenes, das schönere, ist dem Bildner in dem Zu- 
sammenhang der Züge durchaus gerecht; dieses, das hässlichere, bietet 
eine Menge Schwierigkeiten durch alle die entstehenden Falten, Falt- 
chen und Zwickel. Die sorgsamste Ausführung bringt hier doch nur 
ein weniger schönes Werk hervor. Ein weiser Künstler wird nicht 
seine Kraft an die Besiegung von Schwierigkeiten verschwenden, in 
denen er doch bei der grössten Mühe Nebenbuhlern nachstellen muss, 
sondern wird seine Kraft auf das richten, worin er und seine Kunst 
unübertreiflich sind. Scharfe Gränzen lassen sich dabei nicht angeben; 
die ausgebildete Technik wird auch hier dieselben stets hinausschieben. 
Eine gewisse allgemeine Idealbildung z. B., die der Steinstil verlangt, 
wird sie auflösen und das Höchste erreicht wähnen, wenn sie die 
grösste Individualisirung zu Stande gebracht hat, an das blos Schwierige 
eine Mühe setzend, die mehr die Geschicklichkeit zeigen als das Schöne 
schaffen soll. Das gewöhnliche Merkzeichen ist auch in dieser Be- 
ziehung jedes Auffallen einer Einzelheit bei einem Kunstwerk. Stellt 
sich zuerst die Bewunderung der Technik ein, so können wir ziemlich 
sicher annehmen, dass wir es mehr mit Manier, als mit einem richtigen 
Stil zu thun haben. 
Die Bildnerei wirkt durch die Form. Die Farbe ist bei ihr ein 
Nebensächliches. Die Veränderung ist an und für sich schon beim 
plastischen Werke ausgeschlossen, da wir es bei ihm nicht mit Auto- 
maten zu thun haben. Das Seelische muss die Bildnerei durch die 
Formen wiedergeben; ihr Stein- und Erzantlitz kann nicht „sprechen  
sie kann keinen Ausdruck schaffen, wie ihn dasAuge in seinem Glanz 
und Schmelz giebt und die Malerei nachzubilden versteht. Hier muss 
die Bildnerei sich helfen, indem sie den ganzen Körper sprechen lässt. 
Dadurch wird sie darauf hingewiesen, sich in sich abzuschliessen, pla- 
stisch, d. h. geschlossen zu sein. Geschlossenheit der Persönlichkeit 
oder des Dargestellten überhaupt wird von der Plastik verlangt. Nur 
der bildende Künstler, der seinen Gestalten einen Ausdruck zu geben 
versteht, der sie in sich völlig gesammelt erscheinen lässt, zeigt plasti- 
schen Stil. Damit ist keine Ruhe gefordert. Die höchste Leidenschaft 
kann gezeigt werden, die höchste Aufmerksamkeit, der grösste Schmerz, 
nur müssen diese Empfindungen seelisch in der Gestalt beschlossen 
sein. Es können auch in einer Gruppe mehrere Personen gegen ein- 
ander wirken oder auf einander bezogen werden, ohne dass der Cha- 
racter des Plastischen aufgehoben ist. Nur sobald das Seelische einer 
Gestalt „ausser sich" hingestellt wird, indem es ganz abhängig von 
einer anderen gedacht werden muss, erscheint sie nicht mehr plastisch, 
Sondern malerisch.
        

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