Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181105
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Die Bildnerei 
Stein  das Relief ausgenommen  erscheint unnatürlich; naturgemäss 
müsste es fallen. Nur eine Künstelei setzt sich darüber hinweg und 
will hierin mit der Malerei wetteifern, die durch die Farbe gleichsam 
unabhängig vom schweren Stoff vollständig die Erscheinung zu beherr- 
schen versteht. Der Maler kann den springenden Menschen auf der 
Höhe des Sprungs in der Luft schwebend darstellen, nicht so der 
Bildner, der mit schwerem Material arbeitet. Versucht er es doch, in- 
dem er etwa den Springer durch eine Eisenstange in der Luft schwe- 
bend erscheinen lasst, so kommt nur ein barocker Widersinn heraus. 
Barock sind alle diese schwebenden Freigestalten, wie z. B. die stei- 
nernen Tauben, die man so häufig als Symbole des heiligen Geistes 
tlatternd über den Köpfen der Heiligen angenagelt sieht. Soll also ein 
Mensch in Stein gebildet werden, so wird das Gesetz des Ünorganischen 
zur möglichst strengen Befolgung des Gesetzes der Schwere, somit zur 
möglichst sicheren breiten Stützung, zum Gleichgewicht, also zur 
strengen Symmetrie im Aufbau der Gestalt drangen. Die Bewegungs- 
losigkeit, die völlige Ruhe wird darin erstrebt. Damit tritt das Wesen 
des Menschen, seine Lebendigkeit, seine Freiheit der Bewegung in 
Widerspruch. Die starre mathematische Ordnung ziert ihn nicht mehr, 
sondern erscheint als Fessel; eine schöne rhythmische Freiheit ist an 
die Stelle der Starrheit getreten. 
Diese Gegensätze hat nun die Plastik zu vereinen. Im Anfang 
wird das Gesetz des Stoffes überwiegen; auf der Höhe der Kunst sehen 
wir die Harmonie. Die lebendige Bewegung ist in schönster Weise aus- 
gedrückt, ohne dass der Künstler dem Stoffe Gewalt angethan hätte. 
Dann aber tritt das Gesetz des Stoffes ganz in den Hintergrund. Die 
Schönheit des vollen, wahren Stils wird im Ringen nach sogenannter 
vollständiger Vernichtung des Stoifes verloren; der Bildner kümmert 
sich nur noch um den Gegenstand, nicht mehr um das Material. Das 
Schwierige wird über das Schöne, Stilgemässe gestellt. Jetzt sucht der 
Steinbildner mit dem Erzgiesser in der Gewaltsamlzeit der Stellungen 
zu rivalisiren, der Erzbildner will es womöglich dem Maler gleichthun. 
Damit ist ein Verfall der Kunst angezeigt. Die Technik glänzt, aber 
der wahre Geist ist verloren. 
Soviel was die allgemeine Anlage betrifft. Aber wenn wir nun die 
Arbeit im Einzelnen betrachten, so finden wir es bei den meisten 
plastischen Darstellungen schwierig, ja sogar unmöglich, Feinheiten 
der Natur, welche die Malerei leicht nachbildet, wiederzugeben. Man 
denke nur an einzelne Haare, an das feine Geäder, an feines Netzwerk 
von Runzeln und dergleichen. Das feste Material weist auf die feste 
Form, auf das Architektonische, auf das Bestimmte der Gestalt. Die 
Flachen, das Zusammenhängende ist naturgemäss das Gebiet der Pla- 
Stik; darum ausser der Bestimmtheit der ganzen Form der Rhythmus 
der Bewegung in der schönen Verbindung der einzelnen Theile; das
        

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