Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1181094
Farbige 
Behandlung. 
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mit Waffen, dann besonders mit Kleidern, wo es doch ein Verdienst ist, 
bei Formen, wo Körper und Gewand nicht auseinander zu halten sind 
und daher der Eindruck eines umgestalteten Körpers entstehen könnte, 
der Erkenntniss der schönen Form zu Hülfe zu kommen. Und wenn 
nun die Lippen geröthet, die Augen geblaut werden, seh' ich denn dann 
nicht das Gesicht da oben besser? Wem schade ich damit? Welcher 
verwerfliche Realismus wird denn dadurch getrieben? Welche Sünde 
wird begangen, dass man Hand an den Stein legt und ihn nicht absolut 
so lässt, wie er im Steinbruch gefunden wurde? O die Unschuld des 
weissen Marmors, die durch Farbe geschändet wird!  Es ist ein 
wunderlich Ding um Mensehensätze. Aber wenn wir nun die Statue 
wieder auf die Erde stellen, dass wir nahe hinzutreten können, dann 
braucht man sie doch nicht Weiter zu bemalen? Wenn es nicht nöthig 
ist, gewiss nicht; nicht weiter, als der Form nützlich. Wenn aber das 
Haar etwa durch Vergoldung abgehoben wird vom Gelb des Gesichtes, 
wenn der Oeiihung des Mundes ein rosiger Anhauch, ja wenn der 
ganzen Gestalt ein leichter Fleischtoil gegeben wird, wenn man das 
Auge zu beleben versteht, wenn man durch Streifen oder Färbung das 
Gewand markirt oder durch Vergoldung der Waffen dieselben als 
Waffen kennzeichnet, was dann? Ist denn dann die Gestalt corrumpirt? 
Ist sie nicht corrumpirt, wenn ich mit rosigen Vorhängen oder mit 
rothem Papier das Licht färbe, welches darauf fällt? Freilich bemalen 
gkönnen", das ist die Sache. Können! Wir können es noch nicht 
wieder. Gibsoirs Venus ist noch kein Gegenbeweis. Mit einem plum- 
pen Naturalismus ist natürlich nichts gethan, der den Marmor anv 
streicht, als ob er einen Bilderbogen zu coloriren habe. Ein Praxiteles 
schätzte diejenigen seiner Marmorwerke am höchsten, an welchen die 
Bemalung von der Hand eines in diesem Kunstzweige besonders aus- 
gezeichneten Meisters, Nikias, ausgeführt wurde. (Brunn, Geschichte 
der griechischen Künstler.) Armer Praxiteles, wie thörieht befangen 
bist du gewesen! Wie weiss man das bei uns besser! Als Spielerei 
oder geschmacklos erscheinen aber die grellfarbigen Zusammensetzun- 
gen, wie sie wohl in der Römerzeit aus weissem und schwarzem Mar- 
mor oder aus andersfarbigen Gesteinen gebildet wurden. 
Freilich, basirt man die Plastik nur auf den Tastsinn, dann ist eon- 
sequenter Weise Farbe, auch Licht bei ihr überflüssig. (Siehe darüber: 
Zimmermann, Aesthetik. ä 905, 917 pp.) 
Wenn wir nun zu der Betrachtung des Materials zurückkehren, so 
braucht nach dem im allgemeinen Theil Gesagten kaum bemerkt zu 
werden, dass der Stoff so wie jede ihm eigenthümliche Behandlungs- 
weise einen besonderen Stil erzeugt. Es wurde schon darauf hingewie- 
sen, wie die in schwerem Stoffe arbeitende Bildnerei dessen Grund- 
gesetzcn vollständig unterworfen ist. Vor Allem also dem Glesetz der 
Schwere selbst. Ein aus seinem Schwerpunkt gerücktes Bildwerk von
        

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