Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180924
318 
Die Baukunst. 
Auch nach Italien war der gothische Stil gedrungen und hatte 
Werke wie die Dome zu Siena, Orvieto, Mailand entstehen lassen. 
Aber die Widersprüche zwischen den italienischen Anforderungen und 
dem gothischen Stil drängten sich gleich auf. Anfangs modificirte man, 
so gut es ging, dann aber erfolgte bei dem Wiederaufleben des antiken 
Geistes in der Renaissancezeit ein vollständiges Verwerfen der Gothik. 
Ihre Fehler und Mängel erregten den Geistern der Renaissance wohl 
ästhetischen Schauder und Ingrimm. Der Bruch des Spitzbogens ward 
getilgt. Die Horizontale des hellenischen Architravbaues und der 
römische Halbkreisbogen kamen wieder zu Ehren. Die übermässige 
Gliederung, die bis zur Zersplitterung gegangen war, wurde verworfen. 
Die Strebebogen erschienen barbarisch, angeklebt; der tausendfache 
bis in's Einzelnste gehende Schmuck überladen. Der Schmuck sollte 
nicht die einfache Massenwirkung erdrücken. Kein oder wenig Schmuck, 
keine bestechende Zuthat, die reinen Linien, die reinen Formen sollten 
zumeist wirken. 
Es hing eng mit den antiken Bestrebungen der Renaissance-Zeit 
zusammen, dass das kirchlich-christliche Leben, von der ersten, herr- 
schenden Stelle, die es im Culturleben eingenommen hatte, langsam ver- 
drängt, nieht mehr den wichtigsten Ausdruck für deren Architectur 
bildete oder doch nicht den allein maassgebenden, sondern entsprechend 
den neuen, auf Staat, Gesellschaft und individuelle geistige Freiheit 
gerichteten Bestrebungen für die Renaissance die sonstigen öffentlichen 
Bauten  Paläste der Fürsten, des Adels, der Städte, der Genossen- 
schaften  von bisher in Gothik und romanischem Stil ungekannter 
Wichtigkeit wurden. Gerade im Palastbau schuf die Renaissance 
Herrliches. Grösserer Eindruck der Ruhe durch "Massenwirkung und 
Vermeidung übermässiger, bis ins Einzelnste sich fortsetzender Gliede- 
rungen, sowie durch Aufnahme der antiken Architrav- und Bogenformen 
wurde eharacteristisch für die neue Bauweise. Der Bankern wurde 
wieder mehr geschlossen; das Offene, Einladende wurde dabei durch 
Säulenhallen, wo nöthig, vermittelt. Statt der verticalen Gliederung trat 
die horizontale wieder kräftiger vor. Die Ueberladung mit Klein- 
Architectnr (Thürmchen, Giebelehen, Krabben u. s. w.) wurde ve1'- 
mieden, ja das Extrem der Einfachheit dagegen häufig beliebt. Während 
im gothischen Stil die ganze Masse in bewegte Formen aufgelöst wan 
wies man jetzt dem Schmuck hauptsächlich die Bewegungsform zu; 
die Masse des Gebäudes selbst sollte den Ausdruck der Ruhe darbieten. 
Weil die Renaissance aus freiem, wahrhaft künstlerischem Geiste 
schaffte, zeigte sie nicht ein starres Schema, sondern wusste den mannig- 
fachsten Forderungen in schöner Weise zu entsprechen. Man vergleiche 
nur den Florentinischen Palaststil mit dem Venedigs, wie man Bedürfniss 
11m1 Lage gerecht zu werden wusste. Dort der feste, burgenhaft gewal- 
tige Palastcharacter, hier in dem sicheren, durch keine Eroberungen
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.