Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180912
Stil. 
Der gothische 
317 
Höhenstrebung des Ganzen folgen und wuchs bei den bedeutendsten 
Werken zu ungeheuren Dimensionen. Regel ist, dass er aus dem 
Viereck umsetzt in ein Achteek und über dieses die Dachpyramide sich 
aufbaut. Was die Ausschmückung, die Einzelbehandlung der Theile 
anbelangt, so kann ich hier nicht näher auf dieselbe eingehen; genug 
dass sich darin derselbe Sinn zeigt, der die Schönheiten und auch die 
Wunderlichkeiten der Poesie jener Zeit geschaffen hat. Für die Ueber- 
treibungen der gothisehen Klein-Architectur erinnere ich an lyrische 
Gedichte eines Konrad v. Würzburg und Heinrich Frauenlob. Doch ist 
dieser interessante Zusammenhang an anderer Stelle auseinanderzusetzen. 
Auch im Innern wusste man die Formen, welche vom romanischen 
Stil übel-kommen waren, entsprechend weiter- und umzubildeir, S0 an 
Wölbungen, Pfeilern, Ornamentik u. s. w. Dem Mangel an Wand und 
damit dem Mangel an Raum für die Malerei, deren Farbenmaeht das 
Mittelalter bedürftig war  der romanische Stil hatte genug Wandraum 
zu Wandmalereien geboten  half man dadurch ab, dass man die 
Fensterflachen als Farbentiächen behandelte, wobei die Glasmalerei 
bekanntlich zu hoher Ausbildung gedieh. Doch war diese Bemalung 
der Fenster zum Theil schon durch die Nothwendigkeit des Abschlusses 
gegen die über-massig hereinbliekende Aussenwelt geboten, da man ja 
fast alle Raume zu Fenstern aufgelöst hatte. Die Malerei schloss das 
Haus inbrünstiger Andacht gegen die Aussenwelt ab; das magische 
Lieht stimmte zur Gefühlswelt jener Zeit. Wunderbar war der Glaube; 
Wunderbar ist die Stimmung eines solchen Domes. 
So war Alles zum Höhenprincip in Dach, Bogen, Pfeiler und Thurm 
geworden; der grösste Gegensatz gegen den Hellenismus war, wie in 
den Religionen, so in der Kirchen-Architectur ausgebildet. Das Gefühl 
für Gliederung, Abstufung, Eigenartigkeit, was die germanischen Völker 
beherrscht, zugleich der mittelaltcrlich-phantastisehe Sinn, den die Be- 
kanntschaft mit den Muhamedanern zu entfalten gelehrt hatte, das Alles 
suchte sich nun neben dem ziemlich starren Schema, wie es sich ent- 
wickelt hatte, zu bethütigen. Die Phantastik zeigte sich im Schmuck, 
der Gliederungssinn in den unzähligen Thürmchen, durch die man das 
Emporstreben des Baues ausdrückte. Jeder Pfeiler, jeder Thurm ward 
so viel wie möglich- aufgelöst in Fialen und. Fiälchen. Alles hinauf! 
hinauf! Alles dabei vielfältig gebrochen durch Spitzen, Zacken, durch 
den Schmuck der sogenannten Krabben, die an den Ecken der Spitz- 
dächer emporkriechen.  
Der gothische Stil ist in dieser Weise bis in seine Spitze, bis zum 
Extrem seiner Consequenz ausgebildet. Er ist in seiner Art vollkommen. 
Ich kann mich hier nicht auf all das Für und Wider einlassen, was die 
Künstler und Laien bewegt hat und gerade heute wieder bewegt,  
der Eine preist die Gothik als das höchste, der Andere nennt sie das 
barbarischste Machwerk. (Vergl. Fig. 27-)
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.