Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180891
Der 
und gothische 
romanische 
Stil. 
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Wohlgefallens liegt. Die Kunst" muss allerdings den starren Zwang 
auch hier aufzuheben und zum Ausdruck schöner Freiheit hinüberzii- 
führen wissen. Sie soll nicht stecken bleiben im starren Ausdruck 
sehwerfälligen Beharrens, wie ihn z. B. vielfach die ägyptische und die 
älteste dorische Bauart zeigt. Aber sie muss sich dagegen doch hüten, 
das Grundprincip zu verletzen und Künstlichkeit zu zeigen, indem sic 
mit technischer Virtuosität nun alle Ruhe in Bewegung auflöst, wie dies 
in manchen Bauwerken der ausgebildetsten Wölbungsweisen geschieht. 
Alles in's Strebende, Schwebende, Springende u. s. w. aufzulösen ist in 
der Architectur nicht Kunst, sondern Kunststück. Der schöne grie- 
chische Stil und die einfacheren Wölbungswveisen sind für sie, was die 
Natur für die anderen Künstler, indem dieselben die natürlichsten 
schönen Bauweisen repräsentiren. 
Der romanische Stil entwickelte mehr und mehr die Formen der 
Basilika zur Kreuzform und zwar zum sogenannten lateinischen Kreuz. 
Sodann zog er den Thurm zur Kirche und brachte überhaupt die Thurm- 
entwicklung für die Aussenerscheinung zur hohen Geltung. Den Rund- 
bogen des römischen Stils hatte er beibehalten. Die Hauptenturicklung 
geschah durch kunstverständige liiönchsorden. Im Ganzen behielt der 
Stil nach Aussen viel Geschlossenes, Ernstes. Das reichgegliedeite 
kirchliche Gebäude war mit der Aussenwelt durch die nach Aussen sich 
erweiternde, einladende Pforte, sonst aber nur durch verhältnissmässig 
wenige" Fenster in Verbindung gesetzt. Die äussere Masse machte 
meistens einen geschlossenen Eindruck. Dies ward anders, als das 
Bürgerthum, die Laienwelt sich der Bauthätigkeit bemächtigte und 
der gothische Stil ausgebildet wurde. 
Die Frage, wie der gothische Stil entstanden, wird bekanntlich 
sehr verschiedenartig beantwortet und ist eine sehr strittige. Hat sich 
durch den Einduss der Muhamedaner der Spitzbogen bei den sicilischen 
Normannen entwickelt? (Der Spitzbogen kommt schon in den Pyra- 
midengängen vor, sodann an frühen islamitischen Bauten.) Ward er 
von diesen in ihr Geburtsland, nach Nordfrankreich gebracht? Hängt 
der Spitzbogen mit den steilen Dächern zusammen? Er hat sich nur in 
Ländern mit steilen Dächern recht festgesetzt und erhalten. Oder ist 
der Spitzbogen einzig und allein wie gewichtige Stimmen behaupten, 
(Bötticher: Tektonik der Hellenen, Viollet-le-Duc u.  durch con- 
structive Rücksichten aus dem Rundbogen hervorgegangen, indem man 
mit ihm z. B. ungleiche Weiten in gleicher Höhe überspannen kann, 
indem durch ihn, wenn er hoch ist, der Seitenschub verringert wird 
u. s. w.? Haben innere Motive ihn begünstigt? Seine Höhe zieht die 
Gemüther hinauf; das klarere Licht der Halbkreiswölbung wird in 
seinen Graten dämmernder, mystischer. Seine beiden Bogen haben 
verschiedene Mittelpunkte, ob sie nun in die Mittelweite, in die ent- 
gegengesetzten Pfeilerecken oder über diese hinauswcisen. Es ist ein
        

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