Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180762
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Die 
Baukunst. 
der 
Musterung 
Snle. 
vermeiden. Man hob einen grossen Theil des Daches heraus, so dass 
ein freier Hof" im Tempelinnern entstand, der sogenannte Hypathral- 
tempel. Zwang schon der Steinbau zu niedrigerem Dachbau, so machten 
diese Dachömlungen noch mehr ein niederes Dach und einen hohen 
Dachkranz und Architravbau wünschenswerth, um nicht die Dachlücken 
gewahren zu lassen. Es sei hier auch auf Böttichers Teetonik der 
Hellenen, das Hauptwerk tibeiuantike Baukunst verwiesen. Mit dem 
feinsten Schönheitssinn stellte übrigens der Grieche die Säulen nicht 
gleich weit von einander. Entweder hob er durch eine weitere Stellung 
der Mlttelsäulen den Eingang oder er hess überhaupt die Säulen von 
der Mitte aus näher aneinander rücken, dadurch den perspectivischen 
Blick unterstützend. Von geschwungenen Fournen liess er, wie man 
gesehen hat, nur die Schwingung am Echinils (b) bestehen, die tref- 
lichste Ueberleitung von der verticalen Linie der Säule zu der darüber- 
liegenden Platte. 
Der griechische Bau ist höchster Ausdruck des Sieheren, Ruhenden. 
Diesem Princip setzte der Grieche für die Baukunst alles Andere nach. 
Er verschmähte den in seiner Belastung auseinandertreibenden Bogen, 
von. dem der Hindu bezeichnend sagt: „der Bogen schläft nicht". Den 
griechischen Tempelbau schildern Göthefs Worte: 
Dem Atlas vleich der einst den Himmel trug, 
Stehn reihedweis der Säulen hier genug; 
Sie mögen wohl der Felsenlast genügen, 
Da zweie schon ein gross Gebäude trügen. 
 Aber wie wusste die ausgebildete griechische Kunst dem weit über 
das Bedürfniss sicheren Bau den Ausdruck der Schönheit zu geben und 
ihn durch diese aller Schwerfälligkeit zu entreissen! 
So baute sich in unübertrelflichei- Einfachheit, mit Ausschluss jeder 
Willkür, der griechisch-dorische Tempel auf, das Vollkommenste in 
seiner Art. Ein kräftiger Unterbau trägt ihn und verbindet ihn mit 
der Erde. Darauf erhebt sich, bei den schönsten Bauwerken von 
Säulen umstellt, der Tempel in den edelsten Verhältnissen. Ich kann 
auf diese hier nicht näher eingehen und muss auf das früher Gesagte 
verweisen, für eingehenderes Studium aber auf die Specialwcrke darüber. 
Die Verhältnisse sind natürlich sehr verschieden. S0 wechselt z. B. die 
Höhe der Säulen von vier bis sechs Durchmessern. Ueberall das 
schönste Maass, überall Klarheit und Harmonie. Alles trägt sich in 
der einfachsten Weise. Kein Bogen schwingt sich und lässt uns 
prüfend dem Schwunge folgen. Die Stützen zeigen eine Sicherheit, die 
in den edlen Werken jede Schwerfälligkeit vermeidet; der ganze Bau 
ist so seinen Gesetzen gemäss harmonisch aufgeführt, er ist in sich so 
abgeschlossen, vollendet, so beruhigend in seinen sicheren Linien, in 
seinen Horizontalen und in dem Dachwinkel, der uns aufwärts zieht, 
aber doch der Erde nicht weit entrückt, dass eine ruhigere Schönheit
        

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