Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180695
Einheit 
der 
Mannigfaltigkeit. 
Harmonie. 
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Es ward schon auf die Vermeidung übermässiger Einheit hin- 
gewiesen. Die Vielheit, Mannigfaltigkeit zeigt sich im Wechsel der 
Linien, Flächen, Glieder, Theile (Mauer, Dach, Stockwerke, Wand, 
Fenster, Thür, Gesims, Säule u. s.  Die strenge arehitectonisehe 
Ordnung liebt möglichste Gleichheit derselben Theile: gleiche Säulen, 
gleiche Fenster im gleichen Stockwerk u. s. w. bis zur Gleichheit des- 
selben Verzierungsschmuckes (Perlenschnüre, Eierstabe, Zahnschnitte, 
Mäander u. s.  Doch erlaubt sich hier dieser und jener Stil grössere 
Freiheiten. 
Die Harmonie zwischen Idee und Erscheinung muss das Ganze 
wie das Einzelne durchwalten. (Siehe den allgemeinen Theil.) Sie zeigt 
sich beim Bauwerk darin, dass es seiner Idee, also meistens dem Zweck 
entspricht. Wo der Zweck nicht erfüllt ist, stört der innere Wider- 
spruch, wenn er zum Bewusstsein kommt; so schön auch Einzelnes er- 
scheinen mag, das Ganze erscheint verfehlt, unter Umständen unsinnig 
und komisch. Eine Scheuer ist nicht zu bauen wie eine gothische 
Cathedrale, ein Festungsthurm nicht wie ein Sommerpavillon. Die 
schönste falsche Facade mit einer Baracke dahinter, mag uns als 
Facade gefallen; das Ganze wird uns nur einen falschen maskenhaften 
Eindruck machen, der, nrie überall, "unerfreulich ist, wenn er nicht 
komisch behandelt wird. Auf die weitere Harmonie zwischen Bauwerk 
und Gegend sei hier kurz verwiesen. Wo letztere zur Geltung kommt, 
muss der Architect landschaftlichen Schönheitssinn besitzen, damit er 
nicht gegen den Character der Gegend verstösst und etwa in eine 
Felsenlandschaft bauliche Formen stellt, die für eine Gartenebene ganz 
ansprechend gewesen wären, zum ernsten, grossartigen Gebirgscharac- 
ter aber durchaus nicht stimmen. 
Einen der wichtigsten Theile der Baukunst bildet die Lehre von 
der Harmonie der Idee und der Erscheinung in Bezug auf die bedeut- 
samen Glieder oder vielmehr auf alle Theile, weil Alles bedeutsam sein 
soll. Jeder Theil erfüllt eine Function; diese soll sich aussprechen; 
erst dadurch bekommt er ästhetischen Werth, wird er ästhetisch-ver- 
nünftig erscheinen. Die Form, welche dem Zweck am besten entspricht, 
giebt die Grundlage, ist für die Baukunst das Natürliche. Von ihrer 
Grundform wird die Baukunst ausgehen müssen. Wir brauchen nur 
wenige Beispiele zu geben. Eine Säule soll stützen. Säulen an einem 
Gebäude errichten, die nichts zu stützen haben, widerspricht der Idee. 
Bogen öffnen oder entlasten. Eine willkürlich zwecklose Anwendung 
von Bogen ist unschön. Wird eine Füllung behandelt als 0b sie die 
Hauptlast zu tragen hätte, so ist dies verkehrt, und wie nun alle solche 
Widersprüche zwischen Idee und Erscheinung sich zeigen mögen. Hie- 
her gehört die ästhetisch so schwierige und wichtige Characteristik. 
Eine Function soll ausgedrückt werden; wie die Kunst nicht roh natu- 
ralistisch zu Werke geht, sondern sich mit einer Andeutung, einem
        

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