Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180666
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Die Baukunst. 
schung durch das Gleichgewicht der an der Vorderfront stehenden 
Thürme. Das Allzuviel aber, Wo man Vorder- und Hinterfront in 
gleicher Weise durch Thürine auszeichnen will, reisst in der Seiten- 
ansicht das Gebäude auseinander und macht, dass es steif im Boden 
steckt. Es wird gleichsam ein Doppelgeschöpf, wo der eine Halbkörper 
hierhin, der andere dahin zieht und keines vorwärts kommt. Nur durch 
die Beherrschung eines Mittelbaties oder durch eine Frontbildung kann 
solch ein störender Eindruck getilgt werden. 
Haben wir bei der Seitenansicht eines Baues eine Analogie aus 
der Thierwelt angezogen, so Wollen wir bei dieser Gelegenheit noch 
anderer Analogien gedenken. Wir sprachen über den Einliuss der 
Gegenden und des Materials auf den Stil. Wie steht es mit der sonsti- 
gen Einwirkung der umgebenden Natur? Ist im gothischen Dom- 
gewölbe eine Nachbildung des Walddaches? um das am häufigsten 
erwähnte Beispiel zu nehmen. Diese Frage ist wohl mit Ja! zu beant- 
worten. Der Hufeisenbogen und die Palme, das Minaret und die Cy- 
presse, der italienische Thurm und die Pappel, der gothische Thurm 
und die Tanne, die Kuppel und die Pinie sind wohl miteinander in Ver- 
bindung zu setzen. Wo man die schlanken Cypressen nicht als Todten- 
baume kennt, wäre man schwerlich darauf verfallen, solche dünnen 
Minarets neben dem Todtendenkmale des Propheten, der Moschee, zu 
errichten, selbst wenn die gleichen Bedingungen  Verbot der Glocken, 
Ausrufen des Gebetes  gegeben waren. Ohne durch Fichten an der- 
artige Pyramiden gewöhnt zu sein, hatte man schwerlich einen Stephans- 
thurm entworfen. Doch ist, wie kaum bemerkt zu werden braucht, bei 
solchen Uebertragungen nicht an ein plumpes Nachahmen-Wollen zu 
denken. 
Die Einheit in der Mannigfaltigkeit, um andere ästhetische Grund- 
forderungen zu beleuchten, kann sich sehr verschieden zeigen. Eine 
Hauptidee durehwaltet ein Gebäude oder eine Mehrheit oder Mannig- 
faltigkeit und giebt das einigende Band. So kann z. B. ein Schloss- 
complex mit Mauern, Thürmen, Hausern, Ställen, Scheuern n. drgl. 
trotz aller Verschiedenheit auch nach Zeit und Stil einen gewissen 
einheitlichen Eindruck machen. Eine weit schärfer ausgesprochene 
Einigung giebt die gleiche Grundform, der gleiche Stil, welcher die 
Mannigfaltigkeit aller einzelnen Formen beherrscht. Strengere Schön- 
heit verlangt stets Stileinheit. Es ist darauf aufmerksam zu machen, dass 
man bei der Beurtheilung nicht verschiedene Standpunkte durch- 
einanderschiebt und z. B. statt auf architectonische Schönheit zu sehen, 
die malerische Wirkung in's Auge fasst, für welche nach den P1'incipien 
der Architecttir zu tadelnde Werke höchst geeignet sein können. Ein 
in vielen Jahrhunderten errichtetes, hinsichtlich des Stils durcheinander- 
gewürfeltes Schloss kann z. B. sehr malerisch erscheinen, ohne dass es 
architectonischen Werth hat.
        

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