Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180529
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Baukunst. 
Die 
Massen stehen unter dem starren Gesetz der Schwere. Wir empfinden 
Befriedigung, wenn wir die statischen Gesetze erfüllt sehen; was ge- 
baut, d. h. zusammengesetzt, das muss vor allen Dingen, um wohlgefällig 
auf uns zu wirken, den Eindruck des Sichercn machen, oder ein Gefühl 
der Unsicherheit wird uns drücken, die Furcht uns ergreifen, dass das 
Zusammengesetzte nicht in sicherer Ruhe verbleiben, sondern zusammen- 
stürzen werde. Das Unorganische ruht; es gehorcht unabänderlich dem 
Gesetz der Schwere. Darauf muss also jedes Bauen basirt werden. Was 
die Gcsetzmässiglteit der Form anbelangt, so ist diese für das Unorga- 
nische das Mathematisch-Bestimmte, wie früher auseinandergesetzt 
worden. Dadurch, dass diese Gesetzmässigkeiten zur Erscheinung 
gebracht werden, erzeugt sich das Wohlgefallen des Schönen. Die 
statischen und mathematischen Gesetze beherrschen daher die Baukunst. 
Wir können hier gleich sagen, dass die Ordnung, die Gebundenheit 
deswegen in ihr dominirt. 
Eine Verklärung des Unorganischen, eine Durchgeistigung des- 
selben durch das Sichtbarmachen seiner Gesetze, durch das menschlich 
vernünftige Bearbeiten des Naturstoffes, das, kann man sagen, bezweckt 
der Künstler. Die schöne Ordnung giebt dem todten Stoffe Leben; Ge- 
setzmässigkeit, Harmonie, Eurhythmie, Einheit und Mannigfaltigkeit, 
ästhetische Vernünftigkeit walten in ihm, ihn beseelend. In der Ideal- 
bildung drückt darum das Bauwerk die Schönheit des [lnorganischcn 
überhaupt aus. Die wenigen Stoffe stehen für alle; die schöne Ordnung 
wird zum Symbol für den Kosmos. Aus dem tiefen Borne solcher 
Empfindungen und Gedanken muss der Künstler schöpfen, oder er wird 
Stein zu Stein thürmen, Balken auf Balken legen, messen, berechnen, 
schichten, und sein Werk wird doch das rechte Leben vermissen lassen; 
er wird Handwerker, Nachahmer sein, kein Künstler. Aber ich will 
hinzusetzen, dass der Architcet in solcher reinen, einfachen, aus der 
Natur gezogenen Symbolik verbleiben muss und sich nicht in über- 
kosmische z. B. in gelehrte theologische Ideen verirren darf. WVer die 
Gottheit nicht durch die Ordnung des Unorganischen verherrlichen kann, 
der mag zu Anderem Beruf haben; ein genialer Architect ist er nicht. 
Es sind Massen, die in der Baukunst gehandhabt werden. So lange 
der Künstler dieselben noch nicht leicht zu behandeln versteht, indem 
er die Vermittelung zurischen inneren Schönheitsgesetzen und dem 
starren, schwer zu behandelnden Material noch nicht gefunden, so 
lange wird er durch die Masse selbst zu wirken suchen. So hat der 
Steinbau Neigung in's Golossale zu steigen. Die Einförmigkeit, die 
verhältnissmässige Armuth, Welche der ungeübte Künstler nicht zu 
überwinden vermag, weil ihm der innere Schatz fehlt und er sich nur 
an das Material und in rohester Weise an den Zweck klammert, die 
wird mancher dadurch vergessen zu machen suchen, dass er uns durch 
Grösse,_Masse einen überraschenden Eindruck bereitet. Hat er keine
        

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