Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180483
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Der 
Schmuck. 
Die 
sogenannten technisc] 
ICI] 
Künste. 
Weisheit predigt, dass der Mensch von vorne betrachtet ein sym- 
metrisches Geschöpf sei, gaben die Alten der Wnrfgewandung den 
Vorzug, wodurch jeder Zwang vermieden wurde. Freiheit und Regel- 
mässigkeit waren auch in Gewand und Körper vereint. So entsteht 
dieser reiche, freie Eindruck durch den schön umgeschlageuen Mantel; 
grosse Flächen wechseln mit den mannigfaltigen Falten ab; die Sym- 
metrie ist nicht aufgehoben, sondern nur verhüllt; sie wird Einem 
nicht gleichsam ins Gesicht gestossen. Ohne Mantel tritt die Sym- 
metrie deutlich hervor; im Harnisch fügt sie sich dem Körper an; im 
hemdartigen Gewande geben die durch den Gürtel gezogenen Falten 
Mannigfaltigkeit. S0 die Alten. Die Behandlung unserer Kleider, na- 
mentlich der Uniformen, ist dagegen steif, häuüg zwangsjackenmässig. 
Der regelmässige Körper bedarf der Unregelmässigkeit in der Stellung, 
um nicht gezwungen zu erscheinen,  ähnlich wie der Sinn und der 
Vers nicht genau zusammen fallen dürfen; regelmässiger Körper, regel- 
mässige steife Kleidung und regelmässige steife Haltung ist ein für 
alle Mal zu viel des Guten. Das Schöne geht im Zwang auf, die Ord- 
nung wird zum Zwang. Es ist ein Wunder, dass man noch nicht 
darauf gekommen, alle einzelnen Rippen durch Schnüre genau sym- 
metrisch nachzubilden; stammten die Schnürenröcke nicht von uncivi- 
lisirten Völkern, die darum oft mehr sehen, als der Verstand der 
Verständigen, so hätten wir auch eine solche Verzierung wohl schon, 
als ungemein stilvoll, erlebt.  
Näher wollen wir hier nicht auf unsern Kleidergeschmack ein- 
gehen. Am kürzesten kann man sagen, dass keiner existirt. Die 
Laune der Mode herrscht. Was noch so abscheulich und lächerlich 
für den Anfang erscheint, drückt sich im Zeitraume weniger Jahre 
durch und gilt dann für schön, für unentbehrlich zu einem "noblen" 
Aussehen. Nach einigen Jahren wechselt das; es wird dann der Klein- 
städter, der die Mode endlich angenommen hat, darin verlacht, und 
nach 50 oder 100 Jahren sieht man wohl gar oftmals eine „Volks- 
tracht" darin, weil der Bauer irgend ein Stück daraus sich zugelegt 
hat und nun hartnäckig festhält. An Hut, Rock, Beinkleid oder was 
es sonst ist kann man ja in allen Gegenden diese Wandlung sehen. 
Ich will übrigens auf einige Eigenthümlichkeiten aufmerksam 
machen. Die Mode hält trotz ihrer Willkür gewisse Gesetze ein. Man 
erinnere sich an das im allgemeinen Theil über das Gegengewicht Ge- 
sagte. Sobald die Mode einen runden Hut verlangt, sobald strebt sie 
auch nach einem runden Kleide und umgekehrt. Unsere jetzigen runden 
Hütchen verlangen Jacken. Sobald aber ein über das Gesicht spitz vor- 
tretender Hut, dazu wohl noch gar ein Jabot Mode ist, sobald macht 
die Mode  gleichsam den Vogel nachahmend  aus dem Rock einen 
Frack. Vorne steht etwas über, so muss hinten der Schwanz hängen. 
Ein komisches Schauspiel, diese Millionen Europäer, diese Narren der
        

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