Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180474
Kunstgewerbe  
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wandung, die nicht frei, sondern schluderig ist, auf Zerfahrenheit 
schliessen. Der Hosenteufel, das Geschlitzte, Gebauschte, Geputfte, 
Verzackte u. s. W. ist nur in einer ungebundenen, haltlosen, übertrie- 
benen, willkürlichen Zeit möglich. Gebranntes, Gekräuseltes deutet 
auf formelle, peinliche Beschninkiliig, die mit der grössten Ausgelas- 
senheit verbunden sein kann. Im Elisabethkragen steckt Kniebeugung, 
Handkuss, Ceremoniell; ähnliches im Jabot, in der gekräuselten Hand- 
manchette. Welche schöne, freie, natürliche Tracht herrschte dagegen 
bei den Römern und Griechen! 
Sehen wir unsere Tracht an, so sollte man meinen, dass deren 
Schnitt selbstverständlich nach dem Körper zu markiren sei. Entweder 
soll man also theilen nach Ober- und Unterkörper; das giebt die Jacke. 
Oder man lässt den Rumpf als Ganzes hervortreten, ohne Taille in der 
Joppe und im Hemd, mit Taille im Rock und im Hemd mit Gürtel. 
Zieht man noch den Schenkel hinzu, so muss der Schnitt dicht über 
dem Knie sitzen d. h. das Gewand muss bis dahin fallen, das Knie selbst 
aber frei lassen; in der Mitte den Schenkel zu durchschneiden er- 
scheint hässlich. Bei einer Verlängerung darf man wieder nicht das 
Knie durchschneiden, sondern müsste dieses mit bedecken und den 
Schnitt unter dem Knie abschliessen lassen. Verkehrt wäre es wieder 
bei weiterer Verlängerung die Wade auseinander zu schneiden, son- 
dern das Gewand müsste bis auf den Knöchel hinabreichen. Am Arme 
giebt der Ellenbogen durch seine Form keinen so guten doppelten Ab- 
schluss wie das Knie. Oberhalb des mächtigen Oberarmmuskels, wo 
der Arm von der Schulter absetzt, dann am Handgelenke sind hier die 
gegebenen Schnitte, wonach der Arm mit Hand sich als ein Ganzes 
zeigt, während die Schulter zum Rümpfe gezogen wird, oder Hand und 
Arm gesondert erscheinen. Das Alterthum hatte jenen Schnitt; auch 
die jetzigen Frauenhemden und zeitweise die Kleider reichen die 
Schultern bedeckend bis zum Arme. Auf die Gefahr hin, zu den be- 
kannten Kleidererfindern gezählt zu werden, möchte ich für Turner 
zum Turnen ein ähnliches Hemd vorschlagen, das doch wenigstens den 
kräftig ausgebildeten schönen Arm zeigen würde. 
Bei unserer Bekleidung wird die Symmetrie des Körpers ein- 
gehalten, freilich in welcher Art! Die Alten verstanden die Gesetze 
von Freiheit und Ordnung anders. Während der nackte Körper die 
reichste Mannigfaltigkeit durch das lebendige Spiel der Muskeln zeigt, 
wird bei unserer I-Iülsenform eine unbelebte, womöglich rund aus- 
gestopfte Schale geschaffen. Beides, sowohl die Körperformen als 
die lebendigen, reichen Falten des Gewandes, sind ausgeschlossen. Die 
Krebsschale Scheint häufig das Idol; sie nützt als Kürass; der Kürass 
hat wieder unsere Tracht beeinflusst. Im Gegensatz zu unserer oft 
übertriebenen Symmetrie, die in ihrer mathematischen Peinlichkeit als 
Uniform dem Künstler so verhasst wird, weil sie gleichsam ihre dürre
        

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