Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180462
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Der 
Schn-xuck. 
Die 
technischen 
sogenannten 
Künste. 
alter hindurch finden wir meistens eine passende Vereinigung: enges 
Wamms, enge Beinkleider und ein weiter Mantel. Daneben freilich auch 
die unnatürlichsten Moden. Vielfach begegnen wir Gewändern, die 
die ganze menschliche Figur verstecken, bis auf Kopf und Hand; alles 
Uebrige ist mehr oder weniger willkürlich verhüllt. Im Ganzen muss 
man unserer heutigen männlichen Tracht, um nur dieser Erwähnung 
zu thun, die grösste Stillosigkeit vorwerfen. Statt die Körperformen 
hervortreten zu lassen, indem z. B. die Arme, der Nacken, das Unter- 
bein entblösst getragen, oder mit anschliessendem Stoffe bedeckt wer- 
den, oder die Bekleidung nach ihrem eigenen Gesetze zu behandeln, 
ist eine Hülsenform beliebt, die weder das Eine noch das Andere recht, 
sondern beides schlecht erfüllt. Der Stoff kann sich nur im alten 
Mantel nach seinem freien Wurf der Falten entwickeln; in Rock, Frack, 
Weste, Beinkleid ist er durch Schnitt, durch Nathe, Wülste u. dgl. in 
Formen gezwängt, die eine Carieatur des schönlinigen menschlichen 
Körpers sind. Die Natur des Stoffes kommt dabei so wenig wie mög- 
lich in Betracht. Ein Beinkleid von Leinewand, Baumwolle, Wolle 
zeigt denselben Schnitt; selbst die ganz ledernen Hosen der Reiterei 
sind zugeschnitten wie die Leinwandhosen, das Beinwerk zu Elephanten- 
saulen gestaltend.  Was die Tracht betrifft, so muss der Kopf frei 
umschauen können; der Hals muss also Freiheit haben, sich bewegen 
und drehen zu können. Einseitigkeit und Verbohrtheit ist der Cha- 
racter der Zeit, die Hals und Kopf versteift. Es liegt ein peinlicher 
Zwang darin ausgedrückt; der Mensch wird gbichsam einzig auf die 
eine ihm vorliegende Arbeit hingedrüekt; er hat nicht links, nicht 
rechts zu sehen, sondern zu thun, wozu er gestossen oder angetrieben, 
was ihm vorgelegt wird. Steife Halsbinde ist darum subaltern-bureau- 
kratisch, Dressur-soldatenmä.ssig-; sie steht nicht einmal dem Werk- 
zeug, viel weniger dem Vorgesetzten, der Umsicht haben soll. Die hohe 
Kravatte, mit steifen Vatermördern obendrein, schalft jedem Kopf 
gleichsam einen Stall, in dem er eingepfercht ist. Desgleichen müssen 
Arme und Beine frei zur Arbeit und zur Fortbewegung sich regen kön- 
nen. Eine in dieser Hinsicht hinderliche Tracht ist Unsinn und deutet 
auf Faulheit und Verkommenheit der Stande hin, die sich ihrer bedie- 
nen. Natürlich gilt dies auch von der Bekleidung des Fusses. Wir 
lassen hierbei die Moden ganz ausser Acht. Auf deren Verrücktheiten, 
Schnabelschuhe oder Barenklauen zu tragen, weil irgend ein Fürst 
dergleichen Ungethüme trug, um seine verkrüppelten Füsse zu ver- 
stecken, können wir hier nicht eingehen. Pressungen des Körpers sind 
demselben schädlich; jede presscnde Tracht ist darum dem einfachsten. 
Menschenverstande gemäss zu verwerfen. Dass anliegend und pressend 
zweierlei Dinge sind, versteht sich. Pressende Kleidung verräth auch 
sonstigen Zwang; sie ist ein Ausdruck der Steifheit und muss wie- 
der Steifheit erzeugen. In ähnlicher Weise kann man aus einer Ge-
        

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