Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180337
1v1amer. 
265 
oder er betont das Unwiehtige, Nebensächliche, er übertreibt dieselben. 
Ueberall, wo eine unrichtige Ausdrucksweise sich zeigt,_namentlich, wie 
sich von selbst nach dem Gesagten versteht, wo sie zur wiederkehrenden 
Art und Weise wird  überall ist Manier. Dass der Unterschied 
zwischen Stil und Manier nicht in allen Fällen ein bedeutender ist, 
dass eine Entscheidung sehr schwierig sein kann, dass der erbittertste 
Streit sich wohl darüber durch die Zeiten zieht, ob etwas Stil oder 
Manier sei, lässt sich leicht denken. Der Stil des Rococo-Geschmacks 
ist z. B. manieristisch; der Stil der Minnesänger ward Manier u. s. f. 
Zugleich sieht man ein, wie schwer es auf die Lange ist, sich selbst 
nach erreichtem Stil von der Manier frei zu halten, eines wie frischen, 
gesunden Blickes, eines wie ausgebildeten Natur-Verständnisses der 
Künstler bedarf, das gefährliche Abwärtsgleiten zu vermeiden. Des 
Natur-Verständnisses, sagte ich, darauf hinweisend, dass in der Betrach- 
tung und im Studium der Natur das beste Gegenmittel gegen die Manier 
gegeben ist. Ein unfehlbares freilich auch nicht, wo man nicht mit dem 
Maasse nachhelfen kann. Ich wies schon darauf hin, wie der Mensch 
oft ganz verschieden anschaut, auffasst, anders sieht. Die Empündung, 
das Gefühl wird anders. In tausend Fallen ist dann durchaus nicht zu 
helfen, so wenig zu helfen ist, falls das Talent überhaupt fehlt. Aber 
wo man mit dem Studium, namentlich mit dem Maasse, sich immer frei 
von Manier erhalten kann, da soll man es auch thun. Wenn ein Maler 
in die Manier fällt, allen seinen Bildern einen violetten Ton zu geben, 
weil er in demselben Alles sieht, so ist das ein anderes, als wenn ein 
Zeichner seinen menschlichen Figuren Köpfe giebt, die nur U10, ja wohl 
gar V14 der ganzen Körper-lange haben, Gestalten also schafft, die 
weder im Himmel noch auf Erden zu finden sind, während er durch 
einfache Anwendung des Zirkels sich von den grössten Ausschweifungen 
seiner Manier heilen könnte. Das Schöne verlangt Wahrheit. Die 
Manier ist unwahr. Am schlimmsten wird sie natürlich da, wo man 
sieht, dass sie absichtlich gegen das bessere Wissen befolgt ist, seien 
nun die Gründe, welche sie wollen, möge damit dem Geschmack eines 
Einzelnen oder der Menge geschmeichelt werden sollen. Hier wird dann 
die einfache lV['aniei' zur Lüge; schlägt sie als solche in einer Kunst- 
epoche durch, so endet dieselbe natürlich in Fratzenhaftigkeit und 
Albernheit. Dann heisst es mühsam die Wahrheit, das Schöne, den Stil 
wieder suchen.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.