Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180221
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Der 
Künstler. 
Am klarsten wird die Nothwendiglzeit zu lernen bei der Technik. 
ÄVas hilft alles innere Können, wenn das Können der Form nicht damit 
verbunden ist! Was ist ein Bildhauer, der nicht Meissel und Hammer 
zu führen versteht! Aber Michel Angele hieb auf den Block und kein 
Schlag ging zu tief; er schien nicht zu wissen, was m- in der Begeiste- 
rung that. S0 arbeitet das Genie. Das Genie? Ja, aber das, was von 
Kindesbeinen an mit dem Marmor und dem ltleissel vertraut war, was 
sie mit der ltluttermilch schon in sich gesogen hatte, wie der grosse 
Buonarotti von sich sagte. Das Musikwundei- muss zum Klavierspiel 
seine Finger üben, muss die Technik lernen; auch ein Shakespeare 
kann nicht Sprache und Stoff aus sich herausspinntrn. 
Der Künstler muss "können". Und das Können will gelernt sein. 
Es ist hier nicht der Ort, auf das Lernen des Künstlers einzugehen. 
Glanz im Allgemeinen gesprochen wird von ihm ausser der Kunst die 
Durchschnittsbildung der Zeit gefordert. Auch der Künstler soll in 
seiner Kunst wissen, aber er ist kein Gelehrter, der im zibstracten 
Wissen seinen Beruf sieht. Wie weit er übrigens die strenge Wissen- 
schaft zu bewältigen vermag, ohne dass ihre Abstraction seinem künst- 
lerischen, Erscheinungs-frohen Wesen schadet, hängt natürlich von der 
Begabung des Einzelnen ab. Ausdehnung und Tiefe der Kenntnisse 
nützen ihm, wie Jedem, aber nie darf vergessen werden, dass das Iiönncn, 
nicht das Wissen den Künstler macht. Darum hat der Künstler seinen 
Geist sorgsam zu bilden, namentlich ihn für das Schöne und Grosse 
soviel wie möglich gleichsam rein zu halten und zu pflegen. Dann aber 
oder (laneben frisch in die Praxis; Auge, Ohr und, wenn es nöthig, die 
Hand, so früh es geht, gebildet. In der Theorie soll er sich an die 
(Erundstttze halten und sieh nicht durch Detail zersplittern. Vor Allem 
soll er seine Einbildungskraft nicht unnütz abmüden und das Ilrsprüng- 
liche, das er besitzt, sieh nicht nehmen lassen. Doch für wen gilt dieses 
nichäii Noch ein Wort über die Schule. Die Schule, in welcher der junge 
Kün ler den tüchtigen Meister arbeiten sieht, ist besser für ihn, als die, 
iilßweleherder Meister den Schüler arbeiten sieht. Diese gehört erst 
auf die zweite Stufe, nachdem jene erste zurückgelegt ist. 
Aber wenn nun auch Anlagen vorhanden und durch Fleiss aus- 
gebildet sind, dann ist immer noch ein Grosses, ausser dem Künstler 
Liegcndcs nothwendig, um seine Kraft zur Entfaltung zu bringen. Die 
Zeit muss seiner Kunst günstig sein und ihm Gelegenheit geben, sie zu 
üben; nicht bloss für sich; durch den Kampf mit anderen Kräften muss 
der Genius angespornt und belehrt, durch den Sonnenschein der Aner- 
kennung muss er zur Blüthe gebracht werden. Die Seele des Künstlers 
gleicht der Pflanze. Verständniss, Anerkennung ist ihre Sonne. Gänz- 
liche Verkennung wirkt wie das Dunkel; sie verblasst, wird krank, ver- 
kommt; all' ihr Treiben undeRingen hilft nichts ohne Licht und Wärme. 
Gleichgültigkeit ist der ewig graue Himmel, der das Waehsthum hindert
        

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