Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1180206
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Der 
Künstler. 
Dem Talente fehlt das Ursprüngliche, dieser höchste. zündende 
Funken, dieser Blick und (triff, um die Hauptsache, den Kernpunkt, 
das Princil) zu erfassen und auszuführen. Es hat eine grosse Anlage. 
schnell aufzufassen, abzusehen, zu lernen, was ihm gezeigt wird: es 
verbessert, wenn es auch meistens die Operationen nicht wesentlich 
vereinfacht, sondern seine Forcc darin besteht, sie mit sehr grosser 
Geschwindigkeit zu verrichten. Wo es erfindet, ist es mühsamer, mehr 
durch Arbeit, durch Nachdenken und Vergleichen als tiurch schnellen 
Blick findend. Natürlicher Weise gicbt es übrigens keine scharf gezo- 
gene Gränze zwischen Talent und Genie. Das Eine geht oft in das 
Andere über.  Gewöhnlich versteht man unter 'l'alcnt die Befähigung 
für eine Einzelheit, während das Genie als das eine Gesammtheif; einer 
Thatigkeit Umfassende erklärt wird. Dies kann richtig sein, trifft aber 
nicht immer zu. Jemand kann in allen Stücken ein Talent sein und 
ist darum doch kein Genie, und ein Anderer bleibt ein Genie, wenn 
er auch nur nach einer Seite hin die angegebene, angeborene Bega- 
bung hat. 
Genialität nennt man die Anlage, welche Spuren des Genies auf'- 
weist, Lichtblitze, stark genug, um auf Augenblicke das Dunkel zu 
erhellen, aber ohne Dauer. Sie vereint das Gewöhnliche mit dem Aus- 
gezciehnetcn. Jetzt gelingt ein guter Griff, das nächste Mal bleibt 
Atllcs auf dem Niveau der Alltäglichkeit. 
Wie nnbevrusst auch das Genie das Ilerrlichste schaffen kann, wie. 
gesetzlos es häufig erscheinen mag, weil es nach den höchsten, aber 
darum bisher dunklen und verborgenen Gesetzen schafft, so ist die 
Unklarheit über sich und die Gesetze durchaus nicht nothwcndig. [in 
Gegentheil, reifend wird sich das Genie des anfangs unbewusst Ans- 
geübten bewusst werden. Thöricht aber ist, wenn Missverstand meint. 
dass Gesetzlosigkeit das Wesen des Genies ansmache, und dass ein 
solches des Studiums, der Mühe und Arbeit und aller Regeln über- 
hoben sei, ja dergleichen verschmühen müsse, weil nur das von echter 
Begabung zeuge, was gleichsam aus dem Nichts erschaffen werde. 
Glücklicher Weise brauche ich mich hiebei nicht lange aufzuhalten. 
Die genialisehe Zeit ist vorüber, welche so räsonnirte und danach han- 
delnd sich verdarb, und der alte Spruch wird wieder mehr beherzigt, 
dass die Götter den Schweiss vor die Tugend gestellt haben.  
Wie gross die Begabung sei, Anstrengung kann Niemandem er- 
spart werden, der Grosses leisten will. Seht nach, wie Mozart, wie 
Rafael gelernt hat. Lest, wie Michel Angele drei Mal  zehn Mal so 
lange kann man sagen, Anatomie studirt hat, als für unsere Aerztc hin- 
reichend erachtet wird, denen man sein Wohl und Wehein der Gefahr 
anvertraut. Wer nicht sieht, wie Shakespeare gearbeitet hat, der ist 
blind. Und Schiller und Goethe, wer ist fleissiger als sie gewesen? 
Oder ist Napoleon im Traum zum Kaiser geworden, haben Alexander
        

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